Selbstmessen heißt Eigenverantwortung

Es sei an der Zeit, von den Menschen mehr Eigenverantwortung einzufordern, meint der Diabetologe Professor Stephan Martin aus Düsseldorf. Denn die Zahl der Personen mit Diabetes mellitus in Deutschland nimmt weiter rasch zu. Von den bereits jetzt sieben bis acht Millionen Diabetikern sind mehr als 90 Prozent Typ-2-Diabetiker. Die Blutzucker-Selbstmessung kann ein hilfreiches Instrument sein, um Veränderungen des Lebensstils zu bewirken.

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Zuckerwürfel: da assoziiert man Zuckerkrankheit. Aber mangelnde Insulinproduktion oder -sensitivität sind Ursachen von Diabetes, nicht der Zuckerkonsum.

Zuckerwürfel: da assoziiert man Zuckerkrankheit. Aber mangelnde Insulinproduktion oder -sensitivität sind Ursachen von Diabetes, nicht der Zuckerkonsum.

© Foto: Imago

Was für Insulin-behandelte Diabetiker selbstverständlich ist, soll auch allen anderen Diabetikern nutzen: die Selbstmessung der Blutglukose. Die durchaus kontroverse Diskussion darum läuft bereits seit einiger Zeit. Befürworter meinen, dass selbstgemessene Blutzucker-Veränderungen Menschen mit gestörter Glukosetoleranz oder mit manifestem Diabetes Schwächen und Defizite im täglichen Lebensstil vor Augen führen.

BZ-Werte zeigen positiven Effekt von Bewegung an

Die Messwerte könnten aber auch positive Motivatoren sein, etwa wenn der regelmäßige straffe Spaziergang am Abend zu einem erniedrigten morgendlichen Nüchternzuckerwert führt. Professor Stephan Martin vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum in Düsseldorf ist davon überzeugt, dass bei drei von vier Personen mit Typ-2-Diabetes im Frühstadium mit Lebensstiländerungen wesentliche Verbesserungen der Stoffwechsellage zu erreichen sind. "Daher sollte versucht werden, besonders bei neu diagnostizierten Personen mit Typ-2-Diabetes die Selbstmessung der Blutglukose für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung zu stellen", sagt er. Dies ermöglicht eine Analyse positiver wie negativer Lebensstilfaktoren.

Häufig sind die Patienten von der Höhe der Blutzuckerwerte im Tagesprofil überrascht. Martin empfiehlt, einige Tage nach Abschluss einer strukturierten Schulung erneut ein Blutzuckertagesprofil anzufertigen. Er fordert seine Patienten auf, die Auswirkungen ganz bestimmter Nahrungsmittel auf die Blutglukose zu testen. "Man kann die negativen Auswirkungen einer Tafel Schokolade sicher in der Schulung ausführlich darstellen.

Selbstmessung ist wie ein persönliches Experiment

Das persönliche Experiment hat jedoch deutlich stärkere Auswirkungen auf das künftige Verhalten", so die Erfahrung des Diabetologen. Nach der Schulungsphase benötigten motivierte Patienten in der Regel nur noch zwei bis drei Nüchternmessungen in den ersten Wochen. Manche verzichten ganz darauf, wenn sie erstmal wissen, was sie bislang falsch gemacht haben.

Die in Deutschland angebotenen Blutzuckermessgeräte sind inzwischen sehr einfach zu bedienen. Dennoch werden oft Fehler gemacht, wie zuletzt der Blutzucker-Selbstmanagement-Report Deutschland 2006 ergeben hat. So wissen viele Diabetiker nicht, wo man sich in den Finger stechen sollte oder dass Blutzuckermessstreifen nicht ins Portemonnaie oder in die Hosentasche gehören. Zudem haben nach wie vor viele Typ-2-Diabetiker nie an einer Schulung teilgenommen.

BZ-Selbstmessung als Baustein zu mehr Eigenverantwortung

Angesichts der epidemieartigen Zunahme des Typ-2-Diabetes weltweit ist es Zeit, konsequent gegenzusteuern. Die Erkrankungshäufigkeit, die Folgeerkrankungen und die Kosten machen ihn zu einer Herausforderung für jedes Gesundheitssystem. Zugleich spricht kaum eine andere Erkrankung auf Umstellungen des Lebensstils so erfolgreich an wie der Typ-2-Diabetes. Die Selbstmessung des Blutzuckers kann ein kleiner Baustein sein auf dem Weg hin zu mehr Verantwortung für den eigenen Körper. (ner)

Apotheker können Know-how vermitteln

Bei der Blutzucker-Selbstmessung machen mehr als 80 Prozent der Typ-2-Diabetiker Fehler, obwohl die meisten eine Schulung im Umgang mit ihrem Messgerät erhalten hatten. Durch eine individuelle Nachschulung in einer Apotheke wurde die Zahl der Patienten mit fehlerhaften Messungen jedoch halbiert. Die Fehlerzahl je Patient wurde von durchschnittlich 3,1 auf 0,8 Fehler nach sechs Wochen gesenkt. Das ist das wesentliche Ergebnis der EDGAr-Studie. EDGAr steht für Evaluation der Durchführung von Glukoseselbstkontrollen von Menschen mit Typ-2-Diabetes in Apotheken. (Rö)

Lesen Sie mehr im Special: Blutzucker-Selbstmessung

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