MS-kranke Männer

Testosteron stoppt Hirnverfall

Mit der Gabe von Testosteron lässt sich bei Männern mit Multipler Sklerose offenbar die Gehirnschrumpfung aufhalten. In einer Pilotstudie nahm das Volumen der grauen Substanz gar wieder zu.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
MRT-Aufnahme des Gehirns mit Läsionen durch Multiple Sklerose.

MRT-Aufnahme des Gehirns mit Läsionen durch Multiple Sklerose.

© NAS / Scott Camazine / Okapia

SAN DIEGO. Kann Testosteron die Nervenzellen im Gehirn vor einem vorzeitigen Tod bewahren oder die Reparatur von Läsionen unterstützen?

Immerhin gibt es schon lange Hinweise aus Zellkultur- und Tierversuchen, nach denen das Männlichkeitshormon das Dendritenwachstum und die Synaptogenese fördert.

In einer kleinen, vor sechs Jahren veröffentlichten Pilotstudie bemerkte ein Forscherteam der Universität in Los Angeles mit einem Testosterongel (entsprechend 100 mg Testosteron pro Tag) erste positive Effekte auf Hirnvolumen und Kognition bei Männern mit MS (SFN 2013; Abstract 792.0).

Hirnschrumpfung nach einem Jahr Therapie gestoppt

Auf dem Kongress der Society for Neuroscience in San Diego, USA, haben Forscher um Florian Kurth eine weitere Pilotstudie vorgestellt.

Für die Studie behandelten sie zehn Männer mit schubförmiger MS, die zuvor noch keine immunmodulierende Therapie erhalten hatten.

Die Studie verlief in drei Phasen: In einer sechs Monate dauernden Beobachtungsphase bekamen die Patienten keine Therapie.

Anschließend wurden sie ein Jahr lang mit 100 mg Testosteron pro Tag behandelt.

Die ersten sechs Monate davon galten als Übergangs- oder Einwaschphase, hier erwarteten die Forscher noch keine Effekte, diese sollten sich erst in der dritten Phase einstellen.

Zu Beginn und am Ende jeder Phase bestimmten sie das Volumen der grauen Substanz mithilfe T1-gewichteter MRT-Morphometrie.

Kortikales Volumen nahm in den ersten sechs Monaten ab

Wie erwartet nahm das kortikale Volumen in den ersten sechs Monaten der Behandlung deutlich ab.

Doch bereits in der zweiten Phase wurde der Verlust der grauen Substanz deutlich aufgehalten, in der dritten Phase kam es nicht nur zum Stillstand der Atrophie, das Volumen der grauen Substanz hatte nach 18 Monaten sogar wieder zugenommen, vor allem im rechten Gyrus frontalis medius.

Auf das Läsionsvolumen und die Zahl neuer Läsionen hatte die Hormonbehandlung allerdings keinen Einfluss.

Gute Ergänzung zum Schutz der grauen Substanz

Das Team um Kurth sieht gute Chancen, dass Testosteron die Neurodegeneration und die Progression der Behinderungen bei MS bremsen kann.

"Da sich derzeitige MS-Therapeutika vor allem gegen Entzündungen und Schäden der weißen Substanz richten, könnte Testosteron eine gute Ergänzung zum Schutz der grauen Substanz darstellen", schreiben die Studienautoren.

Allerdings müssten die Forscher den Nutzen nun endlich in einer größeren kontrollierten Studie mit harten Endpunkten belegen. Interessant wäre etwa, ob sich mit dem Hormon tatsächlich die Behinderungsprogression verzögern lässt.

Dies ist aus reinen MRT-Volumenmessungen nicht unbedingt abzuleiten. Denn noch ist unklar, ob die Volumenzunahme tatsächlich auf eine neuroprotektive Wirkung zurückzuführen ist.

In Zellkulturen wurde auch eine Vergrößerung der Zellkörper von Neuronen beobachtet. Vielleicht blähen die sich unter Testosteron-Einfluss einfach nur etwas auf.

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