Kinderschutz

Therapien für Pädophile auf Krankenschein geplant

Therapien für pädophile Männer? Vor gut einem Jahrzehnt rief diese Idee auch Widerstand hervor. Heute steht zur Debatte, diese Hilfe zu einer Kassenleistung zu machen - um Kinder besser vor sexuellem Missbrauch zu schützen.

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Therapien für Pädophile auf Krankenschein geplant

© mdurson / iStock / Thinkstock

BERLIN. Vorbeugende Therapien für Männer mit pädophilen Neigungen könnten in Zukunft eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden. Geplant sei noch in diesem Jahr eine Gesetzesänderung, sagte Lutz Stroppe, Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit, am Dienstag in Berlin.

Dadurch könnte der GKV-Spitzenverband den Auftrag für ein Modellvorhaben erhalten. Für diese fünfjährige Erprobungsphase seien fünf Millionen Euro pro Jahr veranschlagt - verbunden mit einer wissenschaftlichen Analyse über den Nutzen der Therapien. Hauptziel sei ein besserer Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch.

Weltweit einmaliger Ansatz

Die neue Regelung wäre ein Durchbruch für den Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier und sein Team. 2005 riefen die Forscher an der Berliner Charité das Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ ins Leben. Bekannt wurde es durch Plakat- und TV-Kampagnen unter dem Motto: „Lieben Sie Kinder mehr als ihnen lieb ist?“

Beiers Ziel war es, Männer zu erreichen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen - möglichst bevor sie Übergriffe begehen. Der Ansatz im „Dunkelfeld“ - also ohne Verdacht oder Anzeigen bei der Polizei - sei weltweit einmalig.

Die Resonanz auf das Hilfsangebot in Berlin war so groß, dass es „Kein Täter werden“ inzwischen in zehn weiteren Bundesländern gibt. Insgesamt gab es mehr als 7000 Anfragen nach Hilfe in rund einem Jahrzehnt. Fast 3000 Männer stellten sich einer Diagnostik, mehr als 1000 erhielten ein Therapieangebot, berichtet Beier. Dort lernen sie zum Beispiel in Rollenspielen und Empathie-Trainings, dass Kinder keinen Sex wollen.

Auch Medikamente, die den Sexualtrieb unterdrücken, stehen zur Verfügung. Rund 250 Männer haben eine Therapie bislang erfolgreich abgeschlossen. 140 brachen sie allerdings auch ab, berichtet Beier. Von 23 Männern erhielt er nach fünf Jahren die Rückmeldung, dass sie keine Übergriffe begangen haben.

Beier geht davon aus, dass rund ein Prozent der Männer pädophil veranlagt sind. Die Anlage lasse sich in bildgebenden Verfahren im Gehirn nachweisen. Rund 40 Prozent des Kindesmissbrauchs geht nach seinen Schätzungen auf diese Tätergruppe zurück. Der Rest seien unter anderem Ersatzhandlungen von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen oder Gewalttätern, die in Kindern als wehrlosen Opfern den Weg des geringsten Widerstands sehen.

Die Finanzierung von „Kein Täter werden“ blieb trotz all dieser Erkenntnisse bisher unsicher. In den vergangenen Jahren schoss neben den Bundesländern das Bundesjustizministerium bis zu eine halbe Million Euro pro Jahr zu. Mehr als 1,5 Millionen Euro an allen Standorten kamen so aber nicht zusammen.

Die Förderung des Justizministeriums läuft Ende des Jahres aus. Dauerhaft Geld zu geben, sei ihrem Haus aus rechtlichen Gründen nicht möglich, sagte Christiane Wirtz, Staatssekretärin im Bundesministerium der Justiz, am Dienstag. Versiegen sollte die Finanzspritze aber auch nicht.

Wirtz hat die bundesweite Kriminalstatistik im Blick, mit rund 14 000 Fällen von sexueller Gewalt gegen Kinder im Jahr. Das Dunkelfeld neben den registrierten Fällen gilt als weitaus größer. „Wenn wir Tätern helfen, ihre Neigungen zu unterdrücken, ist das der beste Opferschutz“, ergänzte Wirtz. Deshalb gab es die Idee, die Therapien zu Regelleistungen der gesetzlichen Kassen zu machen.

Doch pädophilen Männern, die sich freiwillig für das Therapieangebot interessieren, wird bisher Anonymität zugesichert. Das soll so bleiben - doch das macht es für die Kassen schwer. Für das geplante Modellprojekt sei deshalb eine Änderung im fünften Sozialgesetzbuch nötig, erläuterte Staatssekretär Stroppe. Darüber solle im November der Bundestag und im Dezember der Bundesrat entscheiden. Bis die neue Finanzierung greifen würde, kann es also dauern. Das Land Berlin hat bereits angekündigt, das Charité-Projekt in der Hauptstadt 2017 mit 570 000 Euro zwischenzufinanzieren.

 

 (dpa)

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