Gesetzliche Krankenversicherung
Halbjahresbilanz: Krankenkassen mit Milliardenplus und ungebremsten Ausgaben
Vier Kassenarten verbuchen im ersten Halbjahr einen Überschuss von rund 2,3 Milliarden Euro. Doch die Ausgaben steigen stärker als prognostiziert. Für stabile Zusatzbeiträge im kommenden Jahr müsste noch härter gespart werden.
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Die Finanzlage der Krankenkassen im ersten Halbjahr fällt gemischt aus: Einerseits ein Ausgabenüberschuss, andererseits eine anhaltende Dynamik der Leistungsausgaben.
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Berlin. In der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zeichnet sich zur Jahresmitte ein Überschuss von mehr als zwei Milliarden Euro ab. Das geht aus der Abfrage der Finanzdaten bei vier Kassenarten hervor.
Doch ein Entspannungssignal sehen Kassenmanager in dieser Entwicklung keineswegs. Denn die Dynamik der Leistungsausgaben hält unvermindert an. Bereits im ersten Quartal waren die Ausgaben für Arzneimittel, Arzthonorare und Co. um 7,7 Prozent gestiegen.
Den größten Überschuss verzeichnen im ersten Halbjahr mit rund einer Milliarde Euro die Ersatzkassen (1. Quartal: 567 Millionen Euro). Die AOK-Gemeinschaft schließt das zweite Quartal mit einem Plus von 406 Millionen Euro ab (206 Millionen Euro). Bei den Betriebskrankenkassen summieren sich die Einnahmeüberschüsse auf rund 630 Millionen Euro (312 Millionen Euro). Die Innungskrankenkassen geben das Plus mit 250 Millionen Euro an (120 Millionen Euro). Angaben für die Knappschaft lagen am Mittwochvormittag noch nicht vor.
Finanzentwicklung in der GKV
Reformdruck: GKV-Ausgaben steigen im ersten Quartal fast doppelt so stark wie die Einnahmen
Zum Vergleich: In den ersten drei Monaten dieses Jahres hatte die GKV ein Finanzplus von 1,3 Milliarden Euro verbucht. Doch zur Jahresmitte bezeichnet Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek, die Finanzlage der Ersatzkassen als „angespannt“. Denn den Überschuss benötigten die Kassen für die Auffüllung der gesetzlich vorgeschriebenen Rücklagen auf 20 Prozent einer Monatsausgabe.
Die Leistungsausgaben der sechs Ersatzkassen sind im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,1 Prozent je Versicherten gestiegen. Dagegen haben die Einnahmen nur um 6,6 Prozent zugelegt, berichtet Elsner – trotz gestiegener Zusatzbeiträge, höherer Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds und einem Extra-Zuschuss des Bundes für die Transformationskosten im stationären Sektor.
Leistungsausgaben steigen unvermindert stark
Auch in der AOK-Familie steigen die Leistungsausgaben mit 7,2 Prozent im ersten Halbjahr fast unvermindert stark (1. Quartal: 7,9 Prozent). Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben vergrößere sich weiter, kommentiert Jens Martin Hoyer, Vizevorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, die Entwicklung. „Das für 2026 angenommene GKV-Defizit und die ursprünglichen Schätzungen zur Deckungslücke in den Jahren 2027 bis 2030 sind schon jetzt Makulatur“, sagte Hoyer der Ärzte Zeitung.
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Mit anderen Worten: Um die Zusatzbeiträge 2027 stabil zu halten, müsste eigentlich noch härter gespart werden. Anne-Katrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbands, kommentiert die Finanzentwicklung mit gleichem Tenor: Die Bilanz der Betriebskrankenkassen sehe nur auf den ersten Blick erfreulich aus. Tatsächlich aber gebe es „keine Tendenz zu einer moderateren Ausgabenentwicklung“.
Auch die Innungskassen geben keine Entwarnung. Eine Sprecherin des IKK e.V. nennt die Ausgabenentwicklung „dynamisch“: Unter dem Strich hätten die Leistungsausgaben je Versicherten um 9,16 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2025 zugelegt. Den höchsten Zuwachs verzeichneten Heilmittel (16,4 Prozent) und Krankenhausbehandlungen (11,1 Prozent). Der „Handlungsdruck“ bei der Ausgabenkonsolidierung sei unverändert, heißt es beim IKK e.V.
Auch Anne-Kathrin Klemm bezeichnet die Ausgabendynamik als „ungebremst hoch“. Bei den Krankenhäusern registrieren die Betriebskrankenkassen ein Ausgabenplus von mehr als elf Prozent. Insgesamt haben die Leistungsausgaben bei der Kassenart im ersten Halbjahr um 8,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugelegt.
Schätzerkreis hat Ausgabenwachstum unterschätzt
Auf Basis des Halbjahresergebnisses geht der BKK Dachverband davon aus, dass der Schätzerkreis im vergangenen Herbst die Ausgabenentwicklung als zu gering veranschlagt hat. Die Fachleute aus Bundesgesundheitsministerium und Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) sind damals von einem Ausgabenplus von 6,6 Prozent für 2026 ausgegangen.
Beitragssatzstabilisierungsgesetz
GKV-Sparpaket: Bundesrat stimmt „mit Schmerzen“ zu
Die Schätzer haben im Herbst 2025 die Gesamtausgaben der GKV auf 369,5 Milliarden Euro taxiert. Dieser Wert dürfte im Laufe des Jahres pulverisiert werden. Die Folgen sind aus Sicht der Kassenverbände eindeutig: „Es werden schon kurzfristig weitere Sparmaßnahmen notwendig sein“, sagt Jens Martin Hoyer für die AOK.
Er fordert, dass Einsparvolumen von 18,8 Milliarden Euro im Beitragssatzstabilisierungsgesetz müsse komplett gehoben werden – „ohne Aufweichungen beispielsweise beim Herstellerabschlag für Arzneimittel“.
Die Rückkehr zu einer einnahmenorientierten Ausgabenpolitik im Sparpaket sei richtig, sagt auch Ulrike Elsner für die Ersatzkassen und fordert: „Eine Stabilisierung der Finanzen der GKV wird dauerhaft nur gelingen, wenn die Politik Kurs hält.“
Die Innungskassen mahnen dazu eine schnelle Umsetzung der Ausgabenbremsen des Sparpakets an, „damit es nicht zu Vorzieheffekten kommt“. Was zähle, seien nicht Schätzerkreisprognosen, sondern „was konkret auf dem Lohnzettel steht“, so die Sprecherin des IKK e.V. (fst)





