Behandlung erschien ihm als "mörderischer Unsinn"

Von Klaus Brath Veröffentlicht:

Ein stattlicher Mann mit weißem Vollbart und eindrücklichen Gesichtszügen, in denen der Schalk ständig aufblitzt - so erscheint George Bernard Shaw (1856-1950) auf Fotos.

Der anglo-irische Schriftsteller, Dramatiker und Journalist kritisierte fast alles an der damaligen englischen Gesellschaft: den Patriotismus, die sozialen Mißstände, die hohlen Ideale - auch die Schulmedizin war vor seinem aggressiven Humor nicht sicher. Heute jährt sich der Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers und schärfstzüngigen Kritikers seiner Zeit zum 150. Mal.

Der in Dublin geborene Sohn eines trunksüchtigen Getreidehändlers und einer begabten Musikerin verließ 14jährig die Schule und folgte mit 20 Jahren seiner Mutter nach London; er schlug sich als tüchtiger Büroangestellter, versierter Musik- und Theaterkritiker und erfolgloser Romanschriftsteller durch.

Um so mehr erstaunt Shaws später Ruhm als Dramatiker, Satiriker und Sozialkritiker, der auf Stücken wie "Pygmalion", das als Vorlage zu dem Erfolgsmusical "My Fair Lady" diente, "Haus Herzenstod" und "Die heilige Johanna" gründete. Er gipfelte schließlich im Nobelpreis, den der bekennende Sozialist und Befürworter der Eugenik "für seine literarischen Arbeiten, die sich durch Idealismus und Menschlichkeit auszeichnen, und besonders für seine kräftige Satire, in die häufig eine eigenartige dichterische Schönheit eingeflossen ist", zugesprochen bekam.

Die Ärzteschaft und ihre vermeintliche Hybris nahm Shaw in "The Doctor’s Dilemma" ("Der Arzt am Scheidewege") aufs Korn. In der 1906 uraufgeführten Komödie geht es um die Verteilung medizinischer Ressourcen. Der Arzt Sir Colenso Ridgeon, der ein Heilmittel gegen die Tuberkulose entwickelt hat, muß entscheiden, welchen Patienten er in seine Klinik, in der nur noch ein Bett frei ist, aufnehmen soll: einen anständigen, aber sehr mediokren Armenarzt oder einen genialen, wenn auch moralisch verkommenen Künstler.

Ridgeon entscheidet sich für die Rettung des Armenarztes, weil er sich nach dem antizipierten Tod des Künstlers Hoffnung auf dessen Frau macht. Im letzten Akt erkennt er: Die von ihm Angebetete ist bereits wieder "vergeben"; er hat "einen völlig uneigennützigen Mord begangen".

Im später verfaßten Vorwort zu dem Stück führte Shaw seine Medizinkritik weiter aus, konzedierte jedoch: "Es ist nicht die Schuld unserer Ärzte, daß die medizinische Behandlung der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie gegenwärtig geübt wird, ein mörderischer Unsinn ist." Daß der leidenschaftliche Vegetarier und Abstinenzler Ärzte auch ausgesprochen liebenswürdig zeichnen konnte, beweist die Figur des Zahnarztes "Dr. Valentine" im Lustspiel "Man kann nie wissen".

Shaw, der sich für die "Alexander-Technik", eine ganzheitliche Schulung der Körperbalance, begeisterte, blieb bis ins hohe Alter vital. Um viele seiner Bühnenstücke ist es seit seinem Tod stiller geworden. Daß sein Ruhm als geistreicher Intellektueller dennoch anhält, verdankt er auch Bonmots wie diesem: "Ein ungeübtes Gehirn ist schädlicher für die Gesundheit als ein ungeübter Körper."

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