Behindertensport

Berlin-Tour mit dem Blindentandem

Blind sein und Fahrrad fahren – wie soll das gehen? Mit Tandem und Teamwork fahren Blinde mit Sehenden in Berlin spazieren.

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Beim Fahrradfahren nehmen Blinde besonders den Fahrtwind wahr.

Beim Fahrradfahren nehmen Blinde besonders den Fahrtwind wahr.

© Tom Bayer / Fotolia

BERLIN. Luftdruck stimmt, Sattelhöhe passt, Bremsen funktionieren: Vor der Garage stehen zehn Tandems bereit. Die Paare werden eingeteilt, Dirk sitzt vorn, Jürgen hinten.

Dass der Vordere sieht, der Hintere blind ist, lässt sich nicht so einfach ausmachen. Zu erkennen ist es vor allem an dem Blindenzeichen, einem gelben Kreis mit drei schwarzen Punkten, hinten am Gepäckträger. Die Tandemgruppe des Berliner Blinden- und Sehbehindertensportvereins trifft sich zur wöchentlichen Ausfahrt.

Eine blindengerechte Sportart

Dem Piloten Dirk geht es in erster Linie ums Radfahren und um die Begegnung. "Dass jemand blind oder sehbehindert ist, spielt für mich keine entscheidende Rolle", erzählt der 54-Jährige.

ürgen fährt mit, so oft es geht. "Tandemfahren ist fast der einzige Sport, den ich machen kann", sagt der 61-Jährige. Dass die Räder nicht auffälliger gekennzeichnet sind, findet Jürgen gut. "Wir wollen ja nicht unser Blindsein spazieren fahren."

Bei Sonnenschein und blauem Himmel radeln Jürgen und Dirk durch den Grunewald im Südwesten Berlins, vorbei an Seen und Ausflugslokalen. Passanten bleiben stehen und blicken den Tandems hinterher, die wie an einer Schnur aufgereiht auf dem Fahrradweg fahren.

Wie viele Menschen in Deutschland blind oder sehbehindert sind - dazu gibt es nach wie vor keine belastbaren Zahlen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) spricht von etwa 100.000 Menschen, die Blindengeld bekommen.

In der Statistik für Schwerbehinderte wurden im Jahr 2013 knapp 561.000 Betroffene unter der Kategorie "Blindheit und Sehbehinderung" in Deutschland erfasst. Die Weltgesundheitsorganisation schätzte für 2014 eine Zahl von weltweit 246 Millionen Sehbehinderten und 39 Millionen Blinden.

Ein Schritt in Richtung Inklusion

Blindentandems gibt es nicht nur in Berlin, sondern auch in weiteren Städten wie Köln, Hamburg, Offenbach, Darmstadt und Stendal. "Mit dem Blindentandem fährt man nicht morgens zur Arbeit", sagt Reiner Delgado, der beim DBSV als Sport-Referent arbeitet.

"Es gibt Blinden und Sehbehinderten aber die Möglichkeit, in der Freizeit anders unterwegs zu sein. Auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft ist das ein minimales Projekt, aber für den Einzelnen kann es sehr wertvoll sein."

Steffen Kruschwitz und seine Freundin Liane Taczkowski leiten das Berliner Blindentandem, das es seit 1986 gibt. Er ist auf dem linken Auge blind, mit rechts sieht er noch etwa 30 Prozent. "Ich achte auf meine Umwelt ab und an mehr als der Sehende. Der Pilot hat dann manchmal etwas gar nicht mitbekommen, aber er soll sich ja auch auf die Strecke konzentrieren."

Liane kann noch zwischen hell und dunkel unterscheiden, sie benutzt einen Blindenstock. Das Tandemfahren mit der Gruppe bedeutet ihr viel. Fast hätte sie nach einem Unfall im vergangenen Jahr damit aufgehört. "Dann habe ich mich überwunden und mich durchgekämpft", erzählt die 51-Jährige.

Damit möglichst nichts passiert, haben die Berliner ein paar Regeln festgelegt. Dazu gehört eine Helmpflicht. Und ein vorsichtiger Umgang, denn die Doppelsitzer sind ziemlich empfindlich.

Kommunikation beim Radfahren im Team nötig

Nicht jeder eignet sich als Pilot, wichtig sind Vertrauen und Teamwork. Es geht darum, viel miteinander zu sprechen, falls das Rad stoppen muss, eine Steigung kommt oder plötzlich ein Hindernis auftaucht. Für einen Sehenden ist es schwierig sich vorzustellen, nichts oder kaum etwas zu erkennen.

Auch Heinz und Christine sind ein eingespieltes Team. "Sie ist ein Profi", lobt Heinz seine Copilotin. Die mag es, wenn zügig gefahren wird. "Ich genieße das Tempo, dass man mal richtig rasen kann und sich dann wieder einen Berg hoch quält", erzählt Christine. "Heute habe ich das Kopfsteinpflaster deutlich gespürt, die Luft fand ich staubig."

Auch Jürgen beschreibt, dass er vor allem Geräusche, Gerüche und den Fahrtwind wahrnimmt. Kurz vor dem Ziel geben die Tandems noch mal Gas, der Tacho zeigt mehr als 30 Stundenkilometer an.

Nach knapp zwei Stunden und 30 Kilometern ist die Tour geschafft. An den Rädern ist alles heil geblieben, sie werden in der Garage geparkt – bereit für die nächste Ausfahrt. (dpa)

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