Blinde ertasten sich die Welt der Bienen

Wenn Bienen oder Wespen umherfliegen, werden Menschen nervös. Das Gesumme ist besonders für Menschen, die blind sind, oft mit viel Angst verbunden. Bei einer Führung in einem Institut für Bienenkunde sollen sie Vorbehalte verlieren.

Von Sabine Ränsch Veröffentlicht:
Tasten gegen die Angst: Zwei Teilnehmerinnen der Führung berühren die 35 Grad warme Glasscheibe.

Tasten gegen die Angst: Zwei Teilnehmerinnen der Führung berühren die 35 Grad warme Glasscheibe.

© Marc Tirl / dpa

OBERURSEL. Vorsichtig legen die Besucher die Hände an die Scheibe und spüren die Wärme. Rund 35 Grad herrschen in dem Bienenstock - das ganze Jahr über. Die Teilnehmer der Führung staunen.

Etwa ein Dutzend blinde und sehbehinderte Menschen lernten bei einem Besuch des Instituts für Bienenkunde im hessischen Oberursel, dass Bienen und Wespen friedliebend und alles andere als gefährlich sind.

"Stehen bleiben und gar nichts tun", rät Institutsleiter Professor Bernd Grünewald für den Fall, dass sich eine Biene mal allzu nah heranwagt. "Sie sind ja keine Blüte."

Bienen, die sich von Nektar, Honigtau und Pollen ernähren und daraus Honig machen, seien schließlich immer auf der Suche nach Blüten, bemerkten ihren Irrtum schnell und flögen weg. Bei Wespen sei etwas mehr Vorsicht angebracht, die gelb-schwarz gestreiften Flieger seien wesentlich lästiger.

Ute Kruse-Grgic aus Eschborn hofft, dass der Besuch auf der Wiese mit den Bienenstöcken am Waldrand ihr hilft, die Angst zu verlieren. Wie die anderen kann sie die Insekten nur hören und wird unruhig, wenn das Brummen zu nah ist. "Ich habe totale Panik vor Bienen und Wespen, aber hier fühle ich mich jetzt sicher", sagt sie.

Besonders für Blinde wirken Bienen und Wespen bedrohlich

Das Bienenmodell aus Plastik soll blinden Menschen die Angst nehmen.

Das Bienenmodell aus Plastik soll blinden Menschen die Angst nehmen.

© Marc Tirl / dpa

"Besonders für jemanden, der nicht sieht, sind Bienen und Wespen bedrohlich", sagt Franz-Josef Esch vom Vorstand der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte. Information über das Verhalten der Tiere könne helfen, die Furcht zu nehmen.

Biologin Sophie Himmelreich erläutert den mit Imkerkleidung geschützten Besuchern die Lebensweise der Honigbienen, lässt sie Waben ertasten und den Klang der Schleuder hören.

Himmelreich bewegt sich inmitten Hunderter summender Bienen völlig ungeschützt und unbefangen. Am Institut forscht Himmelreich für ihre Doktorarbeit über das Lernen der Honigbiene und ist so begeistert von den Tieren, dass sie auf dem Balkon ihrer Frankfurter Wohnung einen Stock hält.

Während sich die braunen Honigbienen von Menschen fernhalten, werden die schwarz-gelben Wespen im August lästig. In diesem Jahr seien wegen des warmen Frühjahrs besonders viele unterwegs, sagt Institutsleiter Grünewald.

"Sie brauchen Unmengen Kohlenhydrate zum Mästen der jungen Wespenköniginnen." Während Bienenvölker auch im Winter zusammenbleiben, überleben vom Wespenstaat nur die Königinnen, um im nächsten Frühjahr einen neuen Staat zu gründen. Die Arbeiterinnen, die sich um die Brut und die Königin kümmern, gehen im Herbst zugrunde.

Wespen fliegen buchstäblich auf Zucker als leicht erreichbaren Kohlenhydrat-Lieferanten. Nur schwer lassen sie sich von Pflaumenkuchen oder Limo-Gläsern fernhalten.

Wespen sanft wegwischen, bevor sie auf den Geschmack kommen

Grünewald rät, die Insekten sanft wegzuwischen, bevor sie auf den Geschmack kommen und noch Artgenossinnen anlocken können. "Man sollte es den Wespen so ungemütlich wie möglich machen." Anpusten dürfe man die Tiere aber auf keinen Fall - der Kohlendioxidgehalt in der Atemluft wirke als Stichstimulanz.

Der Stich von Bienen oder Wespen ist schmerzhaft, aber meist harmlos. Auch die Zucker liebenden Wespen seien weder aggressiv noch gefährlich, betonen Biologen und Naturschützer.

Gestochen werde nur im Notfall zur Verteidigung. In sicherer Entfernung von den Nestern drohe gewöhnlich keine Gefahr. Probleme könne es nur geben, wenn der Gestochene allergisch sei oder wenn eine versehentlich in den Mund geratene Wespe zusteche. (dpa)

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Kommentar

Krankmeldungen via Telefon: Wider den Wartezimmer-Zwang

Im Kampf gegen Leukämie und maligne Lymphome

Auf der Suche nach Stammzellspendern

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Detailansicht eines Windrades: Bringt eine ökologisch nachhaltige Geldanlage auch gute Rendite? Anleger sollten auf jeden Fall genau hinschauen.

© Himmelssturm / stock.adobe.com

Verantwortungsbewusstes Investment

„Nachhaltig – das heißt nicht, weniger Rendite bei der Geldanlage!“

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: der Deutschen Apotheker- und Ärztebank (apoBank)
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

© HL

Herbstsymposium der Paul-Martini-Stiftung

Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Was tun, wenn Unterzucker nicht bemerkt wird?

Lesetipps
Eine Figur steht in einem Irrgarten.

© imaginando / stock.adobe.com

Kasuistik

Patient mit juckendem Ausschlag: Irrwege bis zur richtigen Diagnose

Nur noch Kerzen erleuchten die Fenster eines Wohnhauses in Berlin. Nach dem Brand einer Kabelbrücke sind im Südwesten tausende Haushalte und Betriebe ohne Strom.

© Carsten Koall/dpa

Update

Praxen im Südwesten betroffen

Wieder Stromausfall in Berlin: Kollege Sommer berichtet von seinen Erfahrungen