Gesellschaft

"Heiler" sind gefragt wie nie - Hochkonjunktur für Scharlatane

Über 10 000 "Heiler" soll es allein in Deutschland geben - viele verzweifelte Menschen vertrauen sich ihnen an.

Von Pete Smith Veröffentlicht:

Sie versprechen rasche, vollständige Heilung selbst schwerstkranker Patienten, äußern sich abfällig über die Schulmedizin, setzen ihre Patienten unter Druck, die einmal begonnene "Behandlung" bloß nicht abzubrechen, und verlangen zum Teil horrende Honorare für heiße Luft.

Unter den selbst ernannten Heilern gibt es viele Scharlatane, denen sich verzweifelte, oft todkranke Menschen anvertrauen. Über 10 000 "Heiler" soll es allein in Deutschland geben, hat Dr. Harald Wiesendanger, Experte für Geistiges Heilen und Mitorganisator der Basler PSI-Tage, ermittelt. Ihm zufolge gibt es pro Jahr über hundert Millionen Patientenkontakte, die der Branche einen Umsatz von mindestens vier Milliarden Euro bescherten. Wiesendanger hat sich des Themas nun in einem Buch angenommen: "Heilen ‚Heiler‘?"

In seinem im Eigenverlag herausgegebenen Werk zieht Wiesendanger eine vorläufige Bilanz seiner rund 20-jährigen Recherche in der esoterischen Heilerszene.

Vor allem tritt er an, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wie viele "Heiler" halten, was ihr Name verspricht? Die Grundthese des Autors: Mit dem enormen Zuwachs, den die Heilerszene seit der Esoterikwelle im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erlebte, ging ein dramatischer Qualitätsverfall einher. "Inzwischen überwiegen aufrichtig bemühte Dilettanten: unerfahrene, mäßig begabte, sich selbst überschätzende Möchtegerns, die mit wolkiger Esoterik, mit dubiosen Titeln und Diplomen wettzumachen versuchen, was ihnen an therapeutischer Befähigung abgeht."

Teil dieser Entwicklung sind Hunderte von Heilerschulen, die den Nachwuchs "ausbilden" und mit Diplomen versorgen.

Sie verdienen ebenso am Boom der Szene wie Heilervereine, die ihren zahlenden Mitgliedern werbeträchtige Urkunden ausstatten mit Attributen wie "geprüft", "anerkannt" oder "zertifiziert".

Wiesendanger macht deutlich, dass es im alternativen Gesundheitsmarkt außer vielen schwarzen Schafen auch ernsthafte Heiler gibt, die diesen Namen verdienen.

Hilfesuchenden zeigt er auf, wie sie die raren Könner ausfindig machen und sich Begegnungen mit mittelmäßigen Heilern und Scharlatanen ersparen. "Einer Geistheilung", so sein Fazit, "bedarf seit längerem zuallererst die Heilerszene selbst."

Dr. Harald Wiesendanger: Heilen "Heiler"? Ein Wegweiser für Hilfesuchende. Lea Verlag. Schönbrunn 2008. 104 Seiten. 19,80 Euro. ISBN 978-3-930147-42-7

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