Interview zum Hitzesommer
Buhlinger-Göpfarth: „Mit Plänen allein retten wir niemanden vor dem Hitzetod!“
Der Staat verlasse sich beim Hitzeschutz auf allen Ebenen auf Hausarztpraxen und Kliniken, sagt die Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands, Nicola Buhlinger-Göpfarth. Eine Vergütung für Aufklärungsarbeit bleibe Fehlanzeige.
Veröffentlicht:
„Hitzeschutz ist eine Zeit- und Ressourcenfrage“: Professorin Nicola Buhlinger-Göpfarth, Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands.
© J. Winkler / HAEVBW
Wie können Hausarztpraxen zum Hitzeschutz beitragen?
Hausarztpraxen sind für den Hitzeschutz der vulnerablen Gruppen natürlich der Dreh- und Angelpunkt. Das geht vom Identifizieren besonders gefährdeter Patientinnen und Patienten über die Anpassung der Medikation bis zur Notfallversorgung, die ja ebenfalls zu einem Großteil in unseren Praxen stattfindet. Viele Praxen haben in den vergangenen Jahren investiert, um diese Strukturen vorhalten zu können. Am Ende des Tages ist aber natürlich auch das Thema Hitzeschutz eine Zeit- und Ressourcenfrage. Und bisher bekommen wir von der Politik wenig bis keine Unterstützung.
Inwiefern kann das Praxispersonal beim Hitzeschutz eingesetzt werden?
Wir wollen und müssen ja weg von der Arztzentrierung, hin zur Teampraxis. Der Hitzeschutz ist ein Beispiel, bei dem das ganz deutlich wird: Als Hausärztin kann und muss ich nicht jede Beratung zum Hitzeschutz selbst machen. Gerade auch die aktive Ansprache besonders gefährdeter Patientengruppen kann ich definitiv nicht alleine leisten. Das Problem ist natürlich: Solange der Kollektivvertrag stur an dem Arzt-Patienten-Kontakt festhält, ist die strukturelle Einbindung der Praxisteams schwierig. In der Hausarztzentrierten Versorgung sind wir da deutlich weiter.
Was Praxen tun können
Hitzeschutz in der Praxis – Hausärztin klärt Patienten mit eigenem Poster auf
Werden Hausarztpraxen in Sachen Hitzeschutzberatung hinreichend unterstützt?
Das kann ich sehr eindeutig mit nein beantworten. Vor drei Jahren hat die damalige Bundesregierung öffentlichkeitswirksam umfassende Maßnahmen zum Hitzeschutz angekündigt. Dazu gehörte unter anderem, dass die medizinische Aufklärung während der Hitzewellen in den Hausarztpraxen endlich auch über den Kollektivvertrag vergütet wird. Bis heute ist de facto nichts passiert!
In der HZV sieht es zum Glück besser aus. In meinem Heimatbundesland Baden-Württemberg haben wir bereits vor Jahren gemeinsam mit einigen Krankenkassen die klimaresiliente Versorgung eingeführt. Die AOK Baden-Württemberg war hier mal wieder Vorreiter. Seitdem wird das Thema Hitzeschutz endlich auch als eigenständige Leistung anerkannt und vergütet. Bundesweit etabliert ist das aber leider auch noch nicht. Viele Kassen halten viele Sonntagsreden, wie wichtig der Hitzeschutz ist, aber um dann wirklich etwas zu tun und zu investieren reicht es häufig nicht.
Welche Formen der Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Hausarztpraxen vor Ort gibt es?
Das ist naturgemäß sehr unterschiedlich: Manche Kommunen sind hier wirklich engagiert und innovativ, andere legen die Hände in den Schoß. Wo es in der Regel eine gute Zusammenarbeit gibt, ist bei der Erstellung der kommunalen Hitzeschutzpläne. Manche Kommunen unterstützen beispielsweise auch bei der Ansprache besonders gefährdeter Menschen über einen Telefondienst und arbeiten dabei mit den Praxen zusammen.
Arbeitshilfe für Praxen
Klimasensible Versorgung: „Die Aufklärung von Patienten ist ein zentrales Element“
Welche Versäumnisse gibt es in der Zusammenarbeit von Kommunen und Hausarztpraxen?
Am Ende des Tages scheitert es häufig an den Ressourcen zur Umsetzung. Die ganzen Hitzeschutzpläne sind schön und gut, aber mit Plänen allein retten wir niemanden vor dem Hitzetod. Es gibt löbliche Ausnahmen, aber die Regel ist leider, dass der Staat sich beim Hitzeschutz auf allen Ebenen am Ende des Tages auf die Praxen und die Krankenhäuser verlässt. Das ist natürlich bequem, aber um das leisten zu können, brauchen wir mehr als warme Worte. Viele Kommunen müssen ja bekanntlich wirklich jeden Euro umdrehen. Aber auch unsere Kapazitäten in den Praxen sind irgendwann erschöpft – vor allem, wenn man uns gleichzeitig zusammenkürzt.
Frau Professorin Buhlinger-Göpfarth, vielen Dank für das Gespräch!









