Gesellschaft

Kinder im Irak erleben jeden Tag einen neuen Albtraum

TÖNISVORST (ag). Kinder im Irak erleben jeden Tag einen neuen Albtraum. Über ihren Alltag berichtet die deutsche Ärztin Eva-Maria Hobiger, die bereits 13 Mal zu Hilfsmissionen in Basra gewesen ist.

Veröffentlicht: 21.09.2006, 08:00 Uhr

Seit 2001 hilft die auf Krebserkrankungen spezialisierte Medizinerin Kindern in der schiitischen Stadt, die trotz reicher Ölvorkommen schon zu Saddam Husseins Zeiten zum Armenhaus wurde. Regelmäßig besucht sie das Mutter-Kind-Krankenhaus Ibn Ghazwan. Dort fehlt es an allem: an Medikamenten, an Geräten, an Hygiene und oft an Fachwissen. Sie unterstützt die Ärzte und organisiert die Hilfslieferungen mit lebenswichtigen Arzneimitteln und medizinischen Geräten.

Lange Zeit galt Basra als relativ ruhige Stadt im Nachkriegsirak. In den vergangenen Monaten hat sich die Sicherheitslage jedoch zusehends verschlechtert. Jeden Morgen liegen Leichen in den Straßen oder treiben im Fluß. Müllberge türmen sich in der Stadt, Benzin und Diesel für die Stromgeneratoren sind Mangelware.

An manchen Tagen gibt es nur für eine halbe Stunde Strom und dann auch kein Leitungswasser. Diejenigen, die sich kein sauberes Wasser kaufen können, holen ihr Trinkwasser aus dem verseuchten Fluß. Die Folge: Durchfallerkrankungen, die besonders die Schwachen treffen, Kleinkinder und Alte.

"Im Kinderspital werden pro Tag rund 40 Patienten aufgenommen, davon 30 mit Durchfall, zehn so schlimm, daß sie Infusionen benötigen. Die hat die Klinik aber nicht, die Kinder sterben", berichtet Hobiger, die als Partnerin der action medeor im Irak arbeitet.

Die Kinder sterben auch an Tuberkulose, Lungenentzündung, Hirnhautentzündung und Typhus. Hinzu kommt noch die im Irak früher ausgerottete Armutserkrankung Kala Azar, die, übertragen von Sandfliegen, heilbar ist, aber ohne Medikamente fast immer tödlich verläuft.

Die Gewalt ist allgegenwärtig. Hobiger: "Die Schulkinder trauen sich nicht, zur Schule zu gehen, sie haben Angst, gekidnappt zu werden." In den Ferien bei extremen Sommertemperaturen müßten die Kinder daheim bleiben, weil ein Aufenthalt außerhalb des Hauses zu gefährlich sei.

Eine Dreizehnjährige sagte der Ärztin, daß sie es vorziehe, beim Fußballspielen umgebracht zu werden, als tagein, tagaus zu Hause zu sitzen." Ein Vater berichtete, daß seine achtjährige Tochter im Rollstuhl ihn angefleht habe, nicht die Haustür auf das Klopfen um 20 Uhr hin zu öffnen. "Denn mich werden sie nicht umbringen, aber dich schon."

In Basra mißtraue jeder jedem, sagt Hobiger. Denn jeder könne ein potentieller Mörder sein. Es werde zwei Generationen dauern, bis es im Irak ein normales Leben gebe, schätzt die deutsche Ärztin. "Vielleicht für die Enkelkinder!"

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