Gesellschaft

"Kino im Kopf - Psychologie und Film seit Sigmund Freud"

Von Wilfried Mommert Veröffentlicht: 19.09.2006, 08:00 Uhr

"Im Kino gewesen. Geweint." Diese Tagebuchnotiz Franz Kafkas gilt für viele Kinobesucher heute noch und immer wieder. Warum ist das so? Dieser Frage und anderen "psychologischen Kinorätseln" geht die letzte Ausstellung zum Sigmund-Freud-Jahr 2006 nach, die derzeit im Filmmuseum am Potsdamer Platz in Berlin zu sehen ist.

"Kino im Kopf - Psychologie und Film seit Sigmund Freud" widmet sich einer vielschichtigen Beziehung anhand vieler Filmbeispiele und Ausstellungsobjekte wie Briefen, Tagebüchern und anderen Dokumenten. Dabei kann sich der Besucher auch selbst auf die Couch legen und nur den Stimmen aus den Lautsprechern lauschen. Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wäre in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden (die "Ärzte Zeitung" berichtete).

Sigmund Freud selbst hielt nicht viel von der "Kinematografie" und ging auch nur selten ins Kino. Dem Film traute er - anders als manche seiner Schüler - nicht zu, einen nennenswerten Beitrag zur Darstellung des Unbewußten zu leisten.

Die Filmgeschichte indes belehrte den Wissenschaftler eines Besseren, wie die bis zum 7. Januar dauernde Ausstellung ausführlich und anschaulich dokumentiert. Dafür stehen Namen wie Alfred Hitchcock, David Lynch, Woody Allen, Luis Buñuel und Wim Wenders. Jüngstes Beispiel ist "Das weiße Rauschen" (2001) von Hans Weingartner mit Daniel Brühl .

Besucher testen, wie nah sie am Wasser gebaut sind

Sigmund Freud traute dem Film nicht zu, das Unbewußte zu beleuchten.    
   

In einem "Tränenkabinett" als "Testlabor" können die Besucher feststellen, wie "nah am Wasser" sie gebaut sind, wenn sie bestimmte Filme sehen - zum Beispiel besonders rührselige Ausschnitte aus "Frühstück bei Tiffany" von Blake Edwards (1961), "Jenseits von Afrika" von Sydney Pollack (1985) oder "Philadelphia" von Jonathan Demme (1993).

Demme ist natürlich auch mit seinem "Schweigen der Lämmer" (1991) vertreten, allerdings in der Abteilung "Profiler und Psychopath" mit Beispielen von Serienkillern im Film. Da darf auch der deutsche Nachkriegsfilm "Nachts, wenn der Teufel kam" von Robert Siodmak (1957) nicht fehlen. Er brachte Mario Adorf den Durchbruch im Filmgeschäft und sollte ihn als Filmtypus noch lange verfolgen.

Der Voyeur wird zum Objekt anderer Voyeure

Im Kabinett über die "Schaulust" wollen die Ausstellungsmacher Freuds These bebildern, wonach der optische Eindruck der Weg bleibt, "auf dem die libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird". Allzu drastische Sexszenen kann der Zuschauer auf dem Bildschirm allerdings nur verfolgen, wenn er die koketten Samtvorhänge beiseite schiebt - und Gefahr läuft, genau dabei wieder von anderen Besuchern der Ausstellung "ertappt" zu werden. Im Rahmenprogramm geht es bei einer Veranstaltung auch um die "Weibliche Schaulust im Kino und was sie nicht zu sehen wagt".

So interessiere sich das Kino längst, wie es in der Ausstellung heißt, auch für den "sexuell-eindeutigen Blick der Frau". "Ist das ein Revolver in deiner Tasche, oder freust du dich bloß, mich zu sehen?", fragt zum Beispiel Mae West in einem Film.

Freuds nicht unproblematische Beziehung zu Drogen wie Kokain wird nicht ausgespart und zum Thema "Rausch und Film" gemacht. In den 60er Jahren rückte die bewußtseinserweiternde Wirkung von Drogen ins Zentrum der gesellschaftlichen Diskussion, vor allem bei der rebellischen Jugend.

Als Filmbeispiele sind hier unter anderem "Easy Rider" von Dennis Hopper (1969) und "Fear and Loathing in Las Vegas" von Terry Gilliam (1998) zu sehen. Das angegliederte Kino-Arsenal zeigt bis zum 7. Januar eine eigene Filmreihe zum Ausstellungsthema. (dpa)

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