2. Staffel „Charité“ startet

Medizin unterm Hakenkreuz

Die zweite Staffel der erfolgreichen Klinikserie erzählt ab dem 19. Februar die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs an Deutschlands berühmtester Klinik – und die Abgründe der Medizin in der Nazizeit.

Von Pete Smith Veröffentlicht: 13.02.2019, 06:41 Uhr
Szene aus der zweiten Staffel: Professor Sauerbruch (Ulrich Noethen, 2.v.r.) rettet in einem dramatischen Eingriff das Leben von einem Jungen.

Szene aus der zweiten Staffel: Professor Sauerbruch (Ulrich Noethen, 2.v.r.) rettet in einem dramatischen Eingriff das Leben von einem Jungen.

© ARD/Julie Vrabelova

BERLIN. Herbst 1943: Anni studiert an der renommierten Berliner Charité Medizin, wo auch ihr Mann, der angesehene Pädiater Dr. Artur Waldhausen, arbeitet, mit dem sie ihr erstes Kind erwartet. Ihr Examen absolviert die Nachwuchsmedizinerin bei Professor Ferdinand Sauerbruch, dessen geniale Operationstechniken sogar der Wochenschau einen Beitrag wert sind.

Nachdem der berühmte Chirurg den zerschossenen Oberschenkel eines jungen Soldaten zusammengeflickt hat, meldet sich jedoch der Psychiater Professor Max de Crinis, ein glühender Nazi, zu Wort, der den Verdacht hegt, dass sich der junge Soldat seinen „Heimatschuss“ selbst beigebracht hat, um der Front zu entkommen.

Erste Staffel mit großem Erfolg

Als deren Doktorvater hält de Crinis Anni an, dem Fall nachzugehen, widmet sich die junge Medizinerin in ihrer Dissertation doch der Selbstverstümmelung von Soldaten. Anni willigt ohne Weiteres ein, immerhin gelten sie und ihr Mann als arisches Vorzeigepaar, das die Kriegs- und Rassenideologie der Nazis vorbehaltlos teilt. Umso größer ist ihr Schock, als sich ausgerechnet ihr Baby infolge von Geburtskomplikationen „abnormal“ entwickelt.

„Heimatschuss“ heißt die erste Folge, mit der die ARD ihre vor zwei Jahren mit großem Erfolg gestartete Krankenhaus-Serie „Charité“ fortsetzt. Während die 1. Staffel den Aufbruch der Medizin in die Moderne nachzeichnete, stehen in der 2. Staffel die Kriegsjahre 1943 bis 1945 im Mittelpunkt und damit der Niedergang einer Medizin, „die sich ausschließlich dem gesunden Menschen verpflichtete“, wie es MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt formuliert, die die Serien der ARD im Hauptabendprogramm verantwortet.

Die sechsteilige Saga startet am Dienstag, 19. Februar, um 20.15 Uhr mit einer Doppelfolge; im Anschluss leuchtet eine Dokumentation die realen Hintergründe aus.

Großer Zeitsprung

Wir erinnern uns: Mit der Ausstrahlung einer historischen Krankenhaus-Serie betrat das Erste 2017 Neuland. Damals entführten die Filmemacher die Zuschauer ins düstere 19. Jahrhundert, in dem die Ärzte ihre Patienten ohne elektrisches Licht oder fließendes Wasser operieren mussten. Die Herausforderungen von einst brachten bedeutende Mediziner wie Robert Koch, Rudolf Virchow, Emil von Behring und Paul Ehrlich hervor, die die Bedeutung der Charité über viele Jahre prägten.

Ein halbes Jahrhundert später wirken zwar immer noch berühmte Ärzte am Berliner Klinikum, doch anders als damals erlebt die Charité trotz technischen Fortschritts ihre dunkelste Zeit. Mit Max de Crinis (Lukas Miko) beispielsweise, Direktor der Psychiatrischen Klinik, spinnt ein einflussreicher Nationalsozialist die Fäden, der als einer der Protagonisten der Kranken- und Behindertenmorde (Aktion T4) in die Annalen eingehen wird.

Sein Vorgänger, der emeritierte Ordinarius Professor Karl Ludwig Bonhoeffer (Thomas Neumann), muss um das Leben seines Sohnes Dietrich und seines Schwiegersohnes Hans von Dohnanyi (Max von Pufendorf) fürchten, die als Widerstandskämpfer im Gefängnis schmoren.

Waren es Ende des 19. Jahrhunderts Kaiser, die in den heiligen Hallen der Charité Hilfe suchten, so ist deren prominenteste Patientin im Kriegsjahr 1943 Magda Goebbels (Katharina Heyer), Ehefrau des Reichspropaganda-Ministers.

Emanzipation als ein Erzählstrang

Ungeachtet jener Gegensätze, gibt es sowohl erzählerische als auch inhaltliche Parallelen zur 1. Staffel. Gleich zu Beginn etwa rücken die beiden Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Dr. Sabine Thor-Wiedemann, eine Ärztin und Medizinjournalistin, erneut das Thema Emanzipation in den Vordergrund: Als die schwangere Anni (Mala Emde) ausgerechnet am Tag ihres Examens im Hörsaal von einem Offizier auf ihre Mutterrolle reduziert wird, antwortet sie frech: „Sie werden staunen, ich kann beides.“

Zum Thema Homosexualität, dem schon in der 1. Staffel ein Erzählstrang gewidmet war, lässt sich gleich in der ersten Folge der Fortsetzung Max de Crinis aus: Widernatürlich sei die, doziert er vor seinen Studenten, nur durch „Entmannung“ zu heilen, notfalls durch den Tod. „Wir in der Heimat“, bemüht der Arzt in Uniform einen Kalauer, „sorgen auch für Ihre Rückendeckung im Brausebad.“

Dass der große Sauerbruch wie sein Pendant Robert Koch aus der 1. Staffel eine 30 Jahre jüngere Frau liebt, ist bei allen sonstigen Parallelen ein (historisch belegter) Zufall. Großartig, wie Ulrich Noethen der Figur des cholerischen, schlitzohrigen, ebenso selbstverliebten wie selbstironischen Chirurgen Leben einhaucht. Allein ihn zu erleben, ist ein Vergnügen.

Die ARD bietet in einem Webspecial unter www.DasErste.de/Charite Hintergründe zur 2. Staffel der Serie.

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