Zum 200. Todestag Bonapartes

Napoleons Leibarzt: Beschimpft, aber treu bis zum Tod des Kaisers

Der Korse Francesco Antommarchi war der letzte von Napoleon Bonapartes Leibärzten. Dieser hatte ein gespaltenes Verhältnis zu Ärzten und piesackte seinen Mediziner, der ihm ins Exil folgte. Einblick in ein schwieriges Verhältnis.

Von Denis Durand de Bousingen Veröffentlicht:
Der Leibarzt Francesco Antommarchi am Kopfende des Totenbetts von Napoleon Bonaparte. Ursprünglich hatte der Kaiser fast ein Dutzend Ärzte verschiedener Fachgebiete in seinen Diensten gehabt.

Der Leibarzt Francesco Antommarchi am Kopfende des Totenbetts von Napoleon Bonaparte. Ursprünglich hatte der Kaiser fast ein Dutzend Ärzte verschiedener Fachgebiete in seinen Diensten gehabt.

© Heritage-Images | Fine Art Image

Vor 200 Jahren starb der verbannte Kaiser Napoleon auf der Südatlantikinsel Saint Helena – am 5. Mai 1821. Zusammen mit seinen treuesten Dienern hielt ein einziger Arzt die Krankenwache in seinem Zimmer: So wurde der Korse Francesco Antommarchi der letzte der berühmten französischen Ärzte, die Napoleon bis in seinen Tod begleiteten.

Eigentlich war Napoleon während seiner Kaiserzeit außer einer chronischen Dysurie sowie häufigen Magenschmerzen ein gesunder Mann. Als er sein Kaiserliches Haus im Jahr 1805 etablierte, nahm er dennoch nicht weniger als acht Ärzte, vier Apotheker, zwei Zahnärzte, einen Augenarzt sowie acht konsultierende Chirurgen in seine Dienste auf.

Unter Aufsicht des „Ersten Leibarztes“ Jean-Nicolas Corvisart sollten sie den Kaiser und seine Familie in ihren verschiedenen Residenzen sowie beim Reisen und bei den Feldzügen begleiten. Napoleon selbst vertraute Ärzten nur mäßig. Mehrmals sagte er, Erfahrung sei bei Ärzten genau wie bei Generälen wichtiger als Dienstgrade und Diplome – sei es, um Patienten zu retten oder um Schlachten zu gewinnen.

Gesundheitsschule statt Universität

Napoleon hat das Gesundheitswesen Frankreichs während seiner Regentschaft grundlegend reformiert. 1792 schaffte die Revolution alle Diplome und Fakultäten im Namen der beruflichen Freiheit ab. Schon Ende 1794 wurden drei sogenannte „Gesundheitsschulen“ gegründet, vor allem, um Militärärzte auszubilden. Erst zwischen 1803 und 1808 wurden Arztdiplome wieder in Kraft gesetzt und die drei Universitäten von Paris, Montpellier und Straßburg rehabilitiert.

Die von einer neuen Generation von Ärzten geführte Pariser Medizinische Fakultät galt in den Jahren 1800 bis 1830 als Geburtsort und Weltzentrum der klinischen Medizin. Für viele ausländische Ärzte, vor allem für junge Ärzte aus Deutschland, war eine akademische Reise nach Paris ein Muss, um später eine erfolgreiche Karriere zu machen. Jedoch wird Napoleon als Patient von diesem Aufschwung wenig profitieren. Nach der Schlacht von Waterloo ergibt er sich am 15. Juli 1815 den Engländern, die ihn ins Exil verbannen. Am 9. August nimmt das Kriegsschiff Bellerophon Kurs auf St. Helena, die er nach 64 Tagen erreicht.

An Bord freundete sich Napoleon mit dem irischen Marinearzt Barry O’Meara an, der bis 1818 sein Leibarzt wird. Immer stärker zweifelte aber Inselgouverneur Hudson Lowe an der Loyalität O’Mearas und schickte ihn zurück nach England. Napoleon, dessen Gesundheitszustand sich langsam verschlechterte, wurde zunächst von zwei anderen Marineärzten betreut, bis er selbst einen neuen Arzt wählen durfte.

Napoleons Mutter wählte den Arzt

Seine in Rom lebende Mutter stellte einen völlig unbekannten Arzt ein, Francisco Antommarchi, der am 20. September 1819 mit zwei Priestern in St. Helena landete. Der 1789 geborene Korse hatte in Pisa studiert und 1812 mit einer Dissertation über den Grauen Star promoviert. Von Anfang an galt seine Beziehung zu Napoleon als gespannt. Dieser beschimpfte ihn als „dumm, unausgebildet und ehrenlos“. Eines Tages soll er ihm gesagt haben, dass er ihm 20 Franken vermachen werde, „damit er einen Strang kauft, um sich zu erhängen“. Trotzdem haben Zeugen bestätigt, dass Antommarchi sein Bestes getan hat, um die unerträglichen Schmerzen seines Patienten zu lindern.

Gips-Nachbildung der Totenmaske von Napoleon Bonaparte. Sie wurde 1821 von Francesco Antommarchi, dem Leibarzt Napoleons, abgenommen. Er fertigte 1833 Kopien an und bot diese zum Kauf an.

Gips-Nachbildung der Totenmaske von Napoleon Bonaparte. Sie wurde 1821 von Francesco Antommarchi, dem Leibarzt Napoleons, abgenommen. Er fertigte 1833 Kopien an und bot diese zum Kauf an.

© Waltraud Grubitzsch / ZB / picture alliance

Die letzten Tage verbringt Napoleon im Bett und kann kaum noch aufstehen. Er stirbt am 5. Mai und wird rasch von Antommarchi obduziert – er wollte nicht, dass die Engländer dies als erste tun. Die Obduktion zeigte einen Magendurchbruch, der zu schweren Blutungen als Folge von Magenkrebs geführt haben dürfte. Noch am Todestag nahm Antommarchi die Totenmaske des Verstorbenen ab, der anschließend vor Ort begraben wurde. Erst 1840 wurden Napoleons Überreste nach Frankreich zurückgeschafft und in der Pariser Invalidenkirche in einem Marmordenkmal ausgestellt.

Nach dem Tod Napoleons kehrte Antommarchi nach Paris zurück. Ohne großen Erfolg gründete er eine Praxis, die vor allem von Verehrern Napoleons aufgesucht wurde. Im Jahr 1830 ging er nach Warschau und nahm als Chirurg am polnischen Aufstand gegen Russland teil. 1836 dann emigrierte er nach Mittelamerika und wirkte als Augenarzt in Mexiko, Florida und Kuba. An Gelbfieber erkrankt, starb Antommarchi am 3. April 1838 in Havanna.

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