Begräbnis-Rituale

Nicht überall heißt es „Ruhet in Frieden“

Andere Länder, andere Begräbnis-Rituale: Auf Sulawesi werden die Toten regelmäßig aus ihren Särgen geholt, in Tibet werden sie zum Fraß für die Geier.

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Grabsteine und Botschaften: Auch für Künstler ist der Umgang mit dem Tode eine Herausforderung.

Grabsteine und Botschaften: Auch für Künstler ist der Umgang mit dem Tode eine Herausforderung.

© Uwe Zucchi / dpa / picture alliance

Berlin. Menschen tun es, Tiere dagegen nicht: ihre verstorbenen Angehörigen bestatten. „Begräbnisse sind ein Ordnungsideal der Menschen, eine Reaktion auf das irritierende Erlebnis des Todes“, sagt der Soziologe Thorsten Benkel von der Universität Passau. „Die Liebe zu den Lebenden wird nach deren Tod auf den Leichnam übertragen“, ergänzt Dirk Pörschmann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal.

Verschiedene Begräbnisorte

  • PYRAMIDEN: Als erster Pharao wurde der ägyptische König Djoser um 2650 vor Christus in einer Pyramide bestattet. Die Verstorbenen wurden mit Salz getrocknet, die schnell verwesenden inneren Organe entfernt. Schließlich wurden die Leichen mit Leinenbinden umwickelt. Die Ägypter glaubten, die Toten könnten so im Jenseits weiterleben. Die Mumifizierung war allerdings den Herrschern vorbehalten.
  • MOORE: Die Germanen bestatteten Angehörige vor rund 2000 Jahren in Mooren. „Die Leichen wurden im Sumpf abgesenkt“, sagt Soziologe Benkel. „Die Christen fanden das später barbarisch.“ Die Leichen blieben in dieser Umgebung durch Säuren und Sauerstoffmangel übrigens gut erhalten.
  • FRIEDHÖFE: Beerdigten die Menschen ihre Toten zunächst außerhalb der Städte, fingen die Christen im 8. Jahrhundert an, sie auf Kirchhöfen beizusetzen. Dort wurde es zu voll. Die Toten wurden deshalb im 16. Jahrhundert in Begräbnisanlagen außerhalb der Stadtmauern ausgelagert: die Geburtsstunde des Friedhofs.

Auch die vier Elemente spielen bei Begräbnissen eine Rolle

  • LUFT: Beisetzungen unter freiem Himmel gibt es etwa in Tibet, wie Soziologe Benkel erklärt. Die Leichen würden bei der sogenannten Himmelsbestattung aufgeschnitten und dann von Geiern verzehrt. „Das wirkt auf uns befremdlich, ist aber eine hochritualisierte Bestattung“, betont der Forscher. „Die Leiche wird so wieder dem Naturkreislauf zugeführt.“
  • FEUER: Während die Menschen ihre Leichen früher direkt ins Feuer legten, ist die Bestattung heute technisiert, wie Soziologe Matthias Meitzler von der Uni Passau betont. In Deutschland seien 2019 fast drei Viertel der Menschen feuerbestattet worden – Tendenz steigend. Christen lehnten die Form der Bestattung lange Zeit ab, weil sie mit der leiblichen Auferstehung nicht vereinbar sei. Im katholisch geprägten Bayern sind Feuerbestattungen auch heute noch seltener, im Buddhismus dagegen übrigens Pflicht.
  • ERDE: Für gläubige Muslime und orthodoxe Juden ist die Erdbestattung vorgeschrieben. Gestorbene Muslime werden dabei statt in Särgen in Leichentüchern begraben. Gräber von Juden und Muslime dürfen Pörschmann zufolge nicht mehrfach belegt werden. „Sie haben ewiges Ruherecht.“
  • WASSER: Vor der eigentlichen Bestattung im Meer werden die Toten verbrannt. Die Asche wird dann in einer sogenannten Salzurne in ausgewiesenen Gebieten im Meer gelassen, wie Pörschmann erläutert. „Einige erinnert es dann schon an die Angehörigen, wenn sie im Meer baden, andere vermissen einen Ort der Trauer.“

Begräbnisse sind ein Ordnungsideal der Menschen, eine Reaktion auf das irritierende Erlebnis des Todes.

Thorsten Benkel, Soziologe, Universität Passau

Weitere Begräbnis-Besonderheiten

  • TOTENRUHE: In den meisten Kulturen ist sie ein hohes Gut. Anders auf der indonesischen Insel Sulawesi: Dort holt das Volk der Toraja seine Leichen alle paar Jahre aus den Särgen heraus. Sie werden neu eingekleidet und für eine Zeit in die Familie zurückgebracht. „Das klingt für uns sehr exotisch, ist dort aber ein Zeichen für Nähe über den Tod hinaus“, sagt Benkel.
  • BEIGABEN: In Form von Gold und Schmuck sind sie aus dem alten Ägypten bekannt. „Es ging darum, etwas von Wert mit ins Jenseits zu nehmen“, sagt Benkel. In der griechischen Antike wurden den Toten etwa Münzen auf die Augen gelegt. Der Hintergrund ist mythologisch: Die Toten mussten im Jenseits eine Münze an den Fährmann Charon zahlen, damit er sie über den Fluss der Unterwelt ins Schattenreich befördert.
  • GRABRÄUBER: In der Antike riefen wertvolle Grabbeigaben auch Gauner auf den Plan. „Sie wurden dafür oft mit dem Tod bestraft“, so Benkel. Aber während es da nur um materielle Werte ging, etablierte sich im 16. Jahrhundert ein neuer Trend im Dienste der Wissenschaft: Die Leichen wurden gestohlen. „Ärzte kauften sie Räubern ab, um sich ein Bild vom Inneren des Körpers zu machen.
  • TRENDS: In der heutigen Erinnerungskultur werde der menschliche Körper „immer stärker marginalisiert“, sagt der Forscher. Manche ehrten ihre Toten über soziale Netzwerke wie Facebook. In der Schweiz zum Beispiel werden aus der Asche von Verstorbenen sogenannte Erinnerungsdiamanten hergestellt. Und in den USA wurden bislang etwa 500 Leichen eingefroren, in der Hoffnung, die Medizin könne sie eines Tages reanimieren. (dpa)
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