Ost-Ärzte streiken

Sie versorgen mehr und ältere Patienten und doch verdienen sie weniger als ihre Kollegen im Westen. Ärzte im Osten haben 2001 von der Honorarungerechtigkeit die Nase voll, machen die Praxen dicht und lassen ihrem Unmut freien Lauf. Aber es dauert, bis sich etwas ändert.

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Ärzte machen in Magdeburg ihrem Ärger Luft.

Ärzte machen in Magdeburg ihrem Ärger Luft.

© zie

März 2001. Mehr Arbeit, aber weniger Geld als die Kollegen im Westen. Darüber waren die ostdeutschen Ärzte im März 2001 so empört, dass sie reihenweise ihre Praxen für Streiktage schlossen und am 28. März in vielen ostdeutschen Städten sowie in Berlin auf die Straße gingen.

Knapp zwei Monate nach ihrem Amtsantritt herrschte zwischen der neuen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und den Vertragsärzten dicke Luft.

Der Bundestag diskutierte in einer "Aktuellen Stunde" über die Probleme der Ärzte in den neuen Bundesländern.

Im Schnitt betrugen die Honorare der Ärzte in Ostdeutschland zu diesem Zeitpunkt etwa 77 Prozent des Westniveaus.

Dabei mussten die ostdeutschen Ärzte oft mehr und vor allem viele ältere und multimorbide Patienten versorgen. Viele fürchteten um ihre Existenz, konnten Kredite nicht mehr bedienen und mussten Personal entlassen.

Unterschiede im Punktwert von 2,7 Pfennig

Krasse Unterschiede bei den Honoraren

Dass die Ärzte in Ostdeutschland 2001 auf die Straße gingen ist verständlich, wenn man einige Zahlen aus der damaligen Zeit betrachtet.

So wurden unter anderem Hausbesuche in Sachsen bei einem Punktwert von 6,1 Pfennig mit 24,40 DM vergütet, in Nordwürttemberg wurde die gleiche Leistung bei einem Punktwert von 8,8 Pfennig mit 32,50 DM honoriert. Für einen Hausbesuch zur Unzeit gab es in Sachsen 18,30 DM, in Nordwürttemberg 26,40 DM.

Auch bei den Fachärzten waren die Unterschiede enorm. So erhielt ein sächsischer Kardiologe (fachärztlicher Internist) bei einem Punktwert von 3,5 Pfennig für ein EKG 8,75 DM, in Nordwürttemberg lag der Punktwert bei 7,55 Pfennig und einem Honorar von 18,87 DM.

Ein HNO-Arzt erhielt in Sachsen im Jahr 2001 für eine Mandelentfernung 33,66 DM, sein Kollege in Nordwürttemberg konnte dagegen 54,48 DM abrechnen.

So zeigte sich unter anderem bei einem Vergleich der Vergütungen bestimmter Leistungen, dass ein Arzt in Nordwürttemberg für die Behandlung eines Primärkassenpatienten immer deutlich mehr Honorar erhielt als sein Kollege in Sachsen.

Bekam der sächsische Allgemeinmediziner bei einem Punktwert von 6,1 Pfennig für einen Hausbesuch 24,40 DM, so wurde sein Kollege in Nordwürttemberg für die gleiche Leistung bei einem Punktwert von 8,8 Pfennig mit 35,20 DM honoriert.

Der Erstkontakt mit einem Rentner wurde in Sachsen mit 28,98 DM vergütet, in Nordwürttemberg gab es dafür 41,80 DM. Ein HNO-Arzt bekam bei einem Erstkontakt 23,56 DM, der Kollege im Westen 38,14 DM.

Auch dass es in Ostdeutschland deutlich weniger Privatpatienten gab, trug zu den großen Einkommensunterschieden bei. Für Unmut sorgten zudem die Budgets, die viele Ärzte im ganzen Land als starres Korsett empfanden, das sie an einer freien Berufsausübung hinderte.

Bis sich die Honorarsituation im Osten deutlich verbesserte, mussten die Ärzte noch acht lange Jahre warten. Erst mit der Honorarreform 2009 und der Einführung des Gesundheitsfonds im gleichen Jahr war eine erhebliche Steigerung der Honorare in den ostdeutschen Bundesländern verbunden.

Honorare gleichen sich an

Nach 17 Jahren einer strikten Budgetierung sollte sich die Honorierung primär an der Morbiditätsentwicklung orientieren und das schien zu klappen.

So berichtete der KV-Chef von Sachsen-Anhalt Dr. Burkhard John im März 2009 vor der Vertreterversammlung: Erstmals könnte von einer echten Honorarangleichung zwischen Ost und West gesprochen werden.

Hätten die Honorare im Jahr 2007 noch 13,2 Prozent unter Westniveau gelegen, betrage die Differenz 2009 nur noch 4,2 Prozent. Und er machte auch deutlich, warum Honorarsteigerungen im Osten mehr als dringend geboten waren: "Ohne Honorarangleichung können wir kaum neue Ärzte gewinnen", so John im Frühjahr 2009.

Bei einem durchschnittlichen Honorarzuwachs von 6,1 Prozent im Jahr 2009 (nach drei Quartalen) schnitten alle Ost-KVen überdurchschnittlich ab. Thüringen verzeichnete einen Zuwachs von 14,1 Prozent, Sachsen von 13 Prozent, Brandenburg von 9,6 Prozent und Mecklenburg-Vorpommern von 9,5 Prozent.

Die Berliner konnten sich sogar über einen Honorarzuwachs von 15,6 Prozent freuen. Einziger Verlierer bei der Reform waren Ärzte in Baden-Württemberg. Sie verzeichneten im dritten Quartal 2009 ein Minus von 1,5 Prozent. (chb)

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