Doping

Pauschal-Verurteilung der Verbände bringt nichts!

Dopingverdächtige Blutwerte, doch der Sportler bleibt trotzdem unbehelligt: So soll es jahrelang bei vielen Verbänden gelaufen sein. Dem Anti-Doping-Experten Professor Fritz Sörgel sind die Vorwürfe an die Verbände aber zu undifferenziert.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Etwa 800 Leichtathleten sollen zwischen 2001 und 2012 mit dopingverdächtigen Blutwerten an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilgenommen haben.

Etwa 800 Leichtathleten sollen zwischen 2001 und 2012 mit dopingverdächtigen Blutwerten an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilgenommen haben.

© operofilm/ iStock / Thinkstock

NÜRNBERG. Etwa 800 Leichtathleten sollen zwischen 2001 und 2012 mit dopingverdächtigen Blutwerten an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilgenommen haben, berichten ARD und "Sunday Times", die eine Liste aus der Datenbank des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) mit 12.000 Bluttests von 5000 Sportlern ausgewertet haben.

Betroffen sind vor allem Ausdauer-Sportarten. Zwei Drittel der auffälligen Proben seien Athleten zuzuordnen, die nie überführt wurden, heißt es. Am Pranger stehen derzeit sowohl die Verbände von Russland und Kenia, wo viele verdächtige Sportler herkommen, wie auch die IAAF und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), denen Verschleierung, Inkompetenz und lasches Kontrollverhalten vorgeworfen wird.

Zeitliche Entwicklung nicht berücksichtigt

Forscht seit Jahren zu Doping: Der Pharmakologe Professor Fritz Sörgel, hier in seinem Institut.

Forscht seit Jahren zu Doping: Der Pharmakologe Professor Fritz Sörgel, hier in seinem Institut.

© Karmann / dpa

Anti-Doping-Experte Professor Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg sowie außerplanmäßiger Professor am Institut für Pharmakologie der Universität Duisburg-Essen, hält nichts von pauschalen Vorwürfen und mahnt eine differenzierte Betrachtung der Vorwürfe an.

"Die untersuchten Fälle gehen bis ins Jahr 2001 zurück, also in eine Zeit, in der die meisten Sportler im Hinblick auf Blutdoping ziemlich unvorsichtig vorgegangen sind", sagt Sörgel im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

"Was mir fehlt, ist die zeitliche Entwicklung der Befunde. Die Affäre um Jan Ulrich beispielsweise war 2006. Dann kamen Jaksche und andere Radfahrer, die sich mit EPO gedopt haben. Danach sind die Sportler natürlich vorsichtiger geworden. Außerdem vermisse ich konkrete Angaben. Es heißt nur, dass die Blutwerte der Leichtathleten sehr hoch gewesen seien. Aber wie hoch? Bjarne Riis hatte einen Hämatokritwert von 60 Prozent. Lagen die Werte der verdächtigen Leichtathleten darunter oder darüber?"

Tatsächlich wird die aktuelle Dopingaffäre der Leichtathletik von vielen Beobachtern mit den größten Radsportskandalen der 2000-er Jahre verglichen. Im Zuge der Doping-Affären um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes und das Team Telekom wurden beispielsweise die deutschen Radprofis Jan Ulrich, Erik Zabel und Jörg Jaksche sowie der Däne Bjarne Riis, der Italiener Ivan Basso und die US-Amerikaner Tyler Hamilton und Floyd Landis des Blutdopings überführt, bevor 2013 auch der siebenmalige Tour-Sieger Lance Armstrong langjähriges Doping mit Erythropoeitin zugab.

Als Reaktion auf den Dopingskandal Fuentes führte der Weltradsportverband 2008 den Biologischen Pass ein, in dem die Ergebnisse von Blut- und Urinproben eingetragen sowie individuelle Blut- und Hormonprofile erstellt werden. Ähnliche Pässe haben auch die Leichtathleten, Triathleten und Eisschnellläufer.

"Der Biologische Pass ist sehr sinnvoll", sagt Anti-Doping-Experte Sörgel. "Je mehr Einzeldaten man sammelt, desto stärker steht die Anti-Doping-Kommission da, wenn sie Sanktionen aussprechen will." Aus diesem Grund empfindet es der Nürnberger Pharmakologe auch als problematisch, dass im Zuge der aktuellen Affäre pauschale Vorwürfe gegen die Verbände erhoben werden.

"Die meisten der jetzt veröffentlichten Werte stammen ja aus einer Zeit, in der es keine Biologischen Pässe gab. Wenn damals Verbände ihre Athleten nur aufgrund eines abweichenden Blutwertes gesperrt hätten, wären sie juristisch angreifbar gewesen." Sörgel glaubt im Übrigen nicht, dass die Fälle nachträglich vollständig aufgerollt werden. "Das kann kein Verband leisten. Auch die WADA nicht."

Irritierende Äußerungen des WADA-Präsidenten

Deren Präsident Craig Reedie äußerte sich nach Bekanntwerden der ARD-Recherchen "sehr verstört" und versprach baldige Untersuchungen durch eine unabhängige Kommission. Irritiert hat Doping-Experte Sörgel dabei jedoch Reedies Sorge darüber, wie ein Whistleblower die Liste mit den 12 000 Bluttests aus der Datenbank des IAAF habe entwenden können.

"Anstatt dass er froh ist, wenigstens auf diese Weise an die Werte heranzukommen, sorgt er sich, wie der Leichtathletik-Verband das Leck stopfen kann. Da kommt man aus dem Staunen nicht heraus!"

Ob der internationale Sport sein Dopingproblem jemals in den Griff bekommt, bezweifelt der Pharmakologe. "Natürlich kann man die Kontrollen ausweiten, indem man beispielsweise auch nachts Proben nimmt. Allerdings verstehe ich auch die Sportler, die sagen, dass sie sich so immer schlechter auf ihre Wettkämpfe vorbereiten können."

Ein Schritt in die richtige Richtung, so Sörgel, könne sein, auch das Umfeld der Sportler stärker auszuleuchten. "Denn darin bewegen sich zum Teil Leute, die nicht gut beleumundet sind." Der Sport allein sei mit der Problematik überfordert.

Daher begrüßt der Nürnberger Pharmakologe das von Justizminister Heiko Maas geplante Anti-Doping-Gesetz, das noch in diesem Jahr in Kraft treten soll.

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