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Menschen mit Migrationshintergrund

Psychotherapie als Hilfe zur Integration

Folter, Flucht, Fremdheit: Viele Menschen mit Migrationshintergrund tragen eine psychische Last - finden in Deutschland aber keinen Therapeuten. Für die Integration kann das schwere Folgen haben.

Von Sophie Rohrmeier Veröffentlicht:

MAINZ. Elektroschocks - und immer wieder drücken sie ihr den Kopf unter Wasser, sie hat Todesangst. Das war 1977. Die gebürtige Argentinierin aber hat noch heute Schmerzen.

Und immer noch bricht die Angst vor dem Ausgeliefertsein aus der inzwischen 62 Jahre alten Frau hervor. Unter der argentinischen Militärdiktatur wurde die politische Aktivistin aus Córdoba in einem Lager gefoltert.

Jahrzehntelang belastete ihr Trauma sie und es blieb, als sie nach Deutschland auswanderte. Auch weil die Südamerikanerin hier auf Spanisch lange keinem Psychologen verständlich machen konnte, wie es ihr geht. Kein Einzelfall. Ein Großteil der Migranten in Deutschland bleibt bei psychotherapeutischer Behandlung außen vor.

"Menschen mit Migrationshintergrund sind häufiger psychisch belastet, nehmen aber zugleich seltener eine psychotherapeutische Behandlung in Anspruch", sagt Cinur Ghaderi von der Evangelischen Fachhochschule Bochum. "Tatsache ist, dass Migranten häufiger belastende Lebensereignisse haben und strukturellen Barrieren ausgesetzt sind."

Die Psychologin betont, dass die Ursache nicht in der Herkunft und Kultur liege, vielmehr in ihrer Lebenssituation. "Viele Migranten scheitern schon im System, bevor sie einen Therapeuten finden."

Fehldiagnosen nicht selten

Željko Cunovic weiß, was Migration bedeutet. Der in der Nähe von Zagreb geborene Psychiater und Psychoanalytiker sitzt in seiner Praxis in Frankfurt. Neben ihm steht eine blaue Couch, auf der schon viele Einwanderer lagen. "Es gibt nicht den Migranten schlechthin", sagt der 51-Jährige.

 Man könne freiwillig auswandern oder aus Not. "Was man hinter sich lässt, beeinflusst die Ankunft, genau wie die Bedingungen im neuen Land." Dieser Schnitt im Leben kann leicht zu psychischen Problemen führen.

Zwar gibt es keine bundesweit repräsentativen Zahlen zur Versorgungslücke. Aber verschiedene Studien bestätigten die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund, sagt der Hamburger Psychologe Mike Oliver Mösko, der am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf forscht.

Es komme nicht selten zu Fehldiagnosen. "Und vietnamesische, syrische oder afghanische Patienten etwa finden oft gar keinen Therapeuten. Denn kaum einer spricht ihre Sprache." Kliniken, Arztpraxen, Krankenkassen, Behörden: Überall fehlen Angebote.

Wenn die Wut kommt oder Trauer, findet die argentinische Auswandererin nur spanische Worte. Obwohl sie heute gut Deutsch spricht und hier ein Studium als Diplompädagogin abgeschlossen hat. Sie kam im März 1993 nach Deutschland.

Im Mai 1993 sah sie die Bilder vom rechtsextremen Brandanschlag in Solingen. Diese Aufnahmen förderten ihr Trauma der Folter und Verfolgung zutage. Danach sollte es noch fast 20 Jahre dauern, bis sie eine Therapeutin fand, die mit ihrer Sprache zurechtkam und in Traumatherapie spezialisiert ist. "Ein Kampf", sagt sie heute.

Dolmetscher können helfen

In Deutschland leben laut Zensus 2011 etwa 15 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Aber ihr Zugang zur Therapie ist gerade da begrenzt, wo es wenige Experten gibt. Dazu zählen vor allem die neuen Bundesländer, aber auch etwa Rheinland-Pfalz steht vergleichsweise schlecht da.

"Es ist schwierig, niedergelassene Therapeuten zu finden, die sich auf die Behandlung von Migranten einlassen", sagt der Sozialpädagoge Markus Göpfert. Er leitet die AG Flucht und Trauma in Mayen, an einem der 25 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge (PSZ) in Deutschland.

Dolmetscher können helfen. Meist ist allerdings unklar, wer sie bezahlt. Gesetzlich Versicherte haben keinen Anspruch auf eine Behandlung in der eigenen Muttersprache oder auf die Übernahme von Dolmetscherkosten durch die gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Das ist vom Bundessozialgericht bestätigt.

Der GKV-Spitzenverband erklärtauf Nachfrage: "Es liegt in der Verantwortung des Gesetzgebers zu entscheiden, ob die Kosten übernommen werden sollen."

Das Bundesgesundheitsministerium hält nichts davon, dass die GKV die Kosten tragen könnte. Sonst müsse die Verständigung auch in der Pflege oder Rente gewährleistet werden, heißt es aus dem Ministerium.

Eine Therapeutin, die sie versteht, hat die Migrantin aus Argentinien gefunden. "Jetzt kann ich meine Geschichte endlich bearbeiten", sagt sie.

Politiker müssten aber eines verstehen, schiebt sie hinterher: "Ein besseres Leben für Ausländer, das kommt nicht nur durch eine Wohnung und Arbeit, sondern sie brauchen die Möglichkeit, Wurzeln hier zu haben. Und dazu muss man sich mit der Vergangenheit versöhnen." (dpa)

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