Zuwenden, Verstehen und Begleiten

Rat für Ärzte

Wie gelingt der verständnisvolle Umgang mit schwerkranken Patienten? Medizinethiker Giovanni Maio will Ärzte mit seinem jüngsten Buch unterstützen.

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Rat für Ärzte

© Herder

NEU-ISENBURG. In einem zunehmend durchökonomisierten Gesundheitswesen schmilzt die Motivation von Ärzten, erkrankten Menschen auch auf zwischenmenschlicher Ebene Zuwendung zu schenken, mit der Zeit wie ein Iglu in der Sahara.

Das ist sinngemäß die Hauptthese von Medizinethiker Professor Giovanni Maio in seinem Werk "Den kranken Menschen verstehen". Mit seinem Buch will Maio gegenhalten und Ärzte ermutigen, sich ihre inneren Werte nicht "von der Ökonomie rauben zu lassen".

Es soll ein Plädoyer für eine neue Medizin der Zuwendung sein.

Ein derartiges Buch könnte als professorales Lamento daherkommen, das sich in den Kanon der Schriften über die lang bekannte Problematik voranschreitender Ökonomisierung und der damit einhergehenden ärztlichen Dilemmata einreiht. Dem ist zum Glück nicht so.

Grund: Das Buch enthält praxistauglichen Rat, der Ärzten dabei helfen kann, leichter Zugang zu Patienten mit schweren Krankheiten zu gewinnen.

Krebs, Demenz und chronische Schmerzen

In den ersten Kapiteln des Buches lotet Maio das Fahrwasser aus, in denen sich Patienten bewegen, die etwa an Krebs oder Demenz erkrankt sind, an chronischen Schmerzen leiden oder im Sterben liegen.

Dabei verarbeitet er eigene Erfahrungen aus seinem Berufsalltag, wie auch andere bekannte Fälle. Zum Beispiel den des 2010 an Krebs gestorbenen Theater- und Aktionskünstlers Christoph Schlingensief, der selbst ein Buch über den Kampf gegen die Erkrankung verfasst hat.

Gezeigt wird, was die jeweilige Diagnose für den Menschen bedeutet und wie Ärzte ihren Patienten mit Zuversicht und Verständnis dabei helfen können, die Schockphase nach der Diagnose zu überwinden, um wieder in den Lebensfluss zu gelangen.

"Die eigentliche Hilfe für Menschen mit der Erkrankung Krebs kann nur darin bestehen, in der Erschütterung gleichzeitig das Potenzial des Wachstums zu erblicken, des Wachstums zu einem neuen Bewusstsein von Leben", schreibt Maio.

Neben Rat, spart der Autor außerdem nicht mit Kritik an der modernen Medizin: "Die Medizin fokussiert oft zu einseitig auf die verloren gegangenen Funktionen und verkennt dabei, dass auch im krebskranken Leben bis zum Ende gesunde Anteile erhalten bleiben."

Wege der Bewältigung

Im zweiten Teil des Buches vermisst der Medizinethiker Wege der Bewältigung. Gezeigt wird, welchen Stellenwert Annehmen, Vertrauen und Hoffen in der Therapie haben oder haben sollten und welche Rolle Ärzten dabei zukommt.

Maio beschreibt dabei auch das seiner Meinung nach grundlegende Problem des Gesundheitssystems. "Woran es am meisten fehlt, sind nicht primär die Zeit, das Geld, die Struktur. Es fehlt an der inneren Einstellung zum Wort, an der Haltung gegenüber dem leidenden Menschen."

Mit seinem lesenswerten Buch schafft es Maio, wortgewaltig ein gutes Stück innerer Haltung zu vermitteln. (mh)

Den kranken Menschen Verstehen, Giovanni Maio; Herder Verlag 2015, 223 Seiten; ISBN 978-3-451-30687-7; 19,99 Euro

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Franz-Josef Wittstamm

Innere Einstellung Spiegelbild der Gesellschaft

Die Analyse von G.Maio : "Woran es am meisten fehlt, sind nicht primär die Zeit, das Geld, die Struktur." trifft sicher zu.
Die innere Einstellung der Ärzte spiegelt jedoch nur die Haltung der Gesellschaft zu diesem schwierigen Feld.

Claus F. Dieterle

"Es fehlt an der inneren Einstellung..."

Grundlage sollte daher die Goldene Regel aus der Bibel sein: "Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt..." Matthäus 7,12


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