Unfalltod

Risiko Landstraße

Landstraßen in Deutschland sind gefährlich - fast zwei Drittel der Verkehrstoten sind dort verunglückt. Fachleute halten Tempo 80 für ein Gegenmittel. Aber nicht nur darauf kommt es an.

Von Matthias Brunnert Veröffentlicht:
Missglückte Überholmanöver können Leben kosten.

Missglückte Überholmanöver können Leben kosten.

© Shutter81 / fotolia.com

GOSLAR. Eine Fahranfängerin gerät in den Gegenverkehr, es kracht, der Fahrer des anderen Autos ist tot. Ein junger Mann kommt von der Straße ab, der Wagen überschlägt sich, der Fahrer stirbt im Krankenhaus.

Ein missglücktes Überholmanöver, das Auto schleudert gegen einen Baum, für die Beifahrerin kommt jede Hilfe zu spät. Unfälle wie diese seien typisch, sagt Siegfried Brockmann, Unfallforscher beim Gesamtverband der deutschen Versicherungen (GDV).

Sie ereignen sich vor allem auf Landstraßen.

Schmal, kurvig und gefährlich

Schließlich verunglückten fast zwei Drittel der Verkehrstoten in Deutschland auf Landstraßen. 2013 waren es 1934 Opfer. Nach jüngsten Hochrechnungen könnten es 2014 sogar noch etwas mehr gewesen sein.

Beim Verkehrsgerichtstag in Goslar vom 28. bis 30. Januar wollen Experten in dieser Woche deshalb darüber beraten, wie die insgesamt rund 200 000 Kilometer Landstraße in Deutschland sicherer gemacht werden könnten.

Denn viele Landstraßen sind schmal, kurvig, sie haben unbefestigte Seitenstreifen und bieten schlechte Sicht zum Überholen.

Für die allgemein zulässige Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern seien sie nicht gebaut, sagt Christian Kellner, Hauptgeschäftsführer des deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR).

"Für Straßen, die weniger als sechs Meter breit sind, sollte es deshalb ein Tempolimit von 80 Stundenkilometern geben", fordert Kellner. Zustimmung erhält er von Kay Nehm, dem Präsidenten des Verkehrsgerichtstages.

"Um die Unfallzahlen auf Landstraßen zu senken, muss man mehr Geschwindigkeitsbeschränkungen einführen."

Das sei sinnvoll, findet Hannelore Herlan von der Deutschen Verkehrswacht. Auch für Unfallforscher Brockmann steht fest: "Auf schmalen Landstraßen sollte grundsätzlich höchstens Tempo 80 erlaubt sein."

Das gelte auch für Alleen. Brockmann warnt: Die von Bäumen ausgehende Gefahr werde von Autofahrern in der Regel unterschätzt.

Und das hat Folgen: "Etwa 20 Prozent aller Verkehrstoten sterben an Bäumen", sagt Kellner. "Das ist irrsinnig. Wir müssen da etwas tun." Ein Mittel: Leitplanken an Alleen. "Dadurch könnte die Wucht des Aufpralls gemindert werden."

Plädoyer für die dritte Spur

Auch mehr Überholverbote könnten zur Sicherheit beitragen, meint Kellner. Dabei wäre für ihn die ideale Landstraße dreispurig. "Wenn mal die eine und dann die andere Seite überholen kann, ist der Überholdruck nicht da."

Für die dritte Spur - wo es geht - plädiert auch der ACE Autoclub Europa: -Diese Spuren verhindern tödliche Überholmanöver mit Frontalcrashs-, sagt Sprecher Rainer Hillgärtner.

Allerdings seien die deutschen Landstraßen vom Idealzustand ziemlich weit entfernt. Der ACE fordert deshalb eine "Investitionsoffensive für mehr Sicherheit".

Wirksame Unfallverhütung setze nämlich nicht nur regelkonformes Fahrverhalten und angepasstes Tempo voraus, sagt Hillgärtner. Auch auf die Qualität der Straßen komme es an. "Nachhaltig sanieren, das ist das Gebot der Stunde."

Ein Beispiel seien die Bankette, die besser befestigt sein müssten, sagt der ACE-Sprecher. "Wer nur für wenige Zentimeter von der Fahrbahn abkommt, fährt häufig in Furchen und wird dann mit einem Überschlag auf den Acker bestraft."

Die Lösung: unfallträchtige und kritische Abschnitte der Landstraßen regelmäßig inspizieren - und entschärfen.

Seit 1963 hat sich der Deutsche Verkehrsgerichtstag zu einem national und international anerkannten und beachteten Forum für Fragen des Verkehrsrechts, der Verkehrspolitik, der Verkehrsmedizin, der Verkehrspsychologie, der Verkehrstechnik und angrenzender Bereiche der Verkehrswissenschaft entwickelt.

Neben dem Thema "Unfallrisiko auf Landstraßen" geht es in diesem Jahr in Goslar zum Beispiel um die Frage der Einführung von neuen Promillegrenzen für Radfahrer und die Ablenkungsgefahr durch moderne Kommunikationstechniken im Straßenverkehr. (dpa/eb)

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Analyse von Sterblichkeitsdaten

Lebenserwartung: Deutschland fällt weiter zurück

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kabinett winkt GVSG durch

Lauterbach macht Hausarztpraxen Mut: „Jede Leistung wird bezahlt“

Aktuelle Forschung

Antikörper – die Verkuppler der Krebsmedizin

Lesetipps
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (r.) bei der Kabinettssitzung am Mittwoch in Berlin.

© Michael Kappeler/dpa

Bessere Rahmenbedingungen für Praxen

Kabinett macht Weg für Lauterbachs Hausärzte-Gesetz frei

Heiße Nächte können nicht nur nervig sein. Sie gehen auch mit einem höheren Risiko für Schlaganfälle einher, so das Ergebnis einer Studie aus München und Augsburg.

© samuel / stock.adobe.com

Studie mit Daten zu 11.000 Schlaganfällen

Tropische Nächte sind offenbar ein Risikofaktor für Schlaganfälle

Der Nephrologe Prof. Jürgen Floege von der Uniklinik RWTH Aachen rät beim 18. Allgemeinmedizin-Update-Seminar in Mainz davon ab den RAS-Blocker abzusetzen wenn der Kaliumspiegel des Patienten ansteigt, da so weder die eGFR verbessert noch das Hyperkaliämierisiko gesenkt wird.

© SaroStock / stock.adobe.com / generated AI

Nephrologe rät

RAS-Blocker bei Hyperkaliämie möglichst nicht sofort absetzen