Gesellschaft

Sicher im echten Operationssaal nach Training im Simulator

DÜSSELDORF. Ein mehrgliedriges Programm soll helfen, in der Anästhesie Fehler zu vermeiden. Dazu gehören Standardprozeduren, ein anonymes Meldesystem und ein Simulator-Training. Das Projekt der Düsseldorfer Universitätsklinik wurde bei der Medica in einem Workshop vorgestellt.

Von Philipp Grätzel von GrätzPhilipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Als vor Jahren die ersten Flugsimulatoren für den PC auf den Markt kamen, war die Ausstattung der virtuellen Cockpits täuschend echt. Solche Simulatoren sind aus der professionellen Luftfahrt nicht mehr wegzudenken. Piloten lernen damit, gefährliche Fehler in kritischen Situationen.

Ärzte, die sich nach Medizin-spezifischen Strategien zur Fehlervermeidung umschauen, lassen sie sich von erfolgreichen Projekten aus der Luftfahrt inspirieren. "Die Probleme sind durchaus ähnlich", sagt Privatdozent Olaf Picker von der Universität Düsseldorf. "In der Luftfahrt müssen die Piloten genau verinnerlicht haben, wie eine Landung ablaufen muß, wenn ein Triebwerk ausfällt. In der Anästhesie müssen die Ärzte wissen, wie sie bei Patienten mit bestimmten Risikofaktoren eine Narkose machen". Also wurde in der Düsseldorfer Klinik für Anästhesiologie ein mehrgliedriges Programm zur Fehlervermeidung eingeführt.

Picker und seine Kollegen stellten in einem Workshop beim Medica-Kongreß die drei Säulen des Projekts vor: Standardprozeduren, ein anonymes Fehlermeldesystem und ein intensives Trainingsprogramm an einem Anästhesie-Simulator.

"Wir denken, daß es möglich ist, für 70 bis 80 Prozent der anästhesiologischen Situationen standardisierte Anweisungen zu erarbeiten", sagt Dr. Ralf Krage, der in Düsseldorf für den Aufbau dieser auch "standard operating procedures" (SOP) genannten Leitlinien mit verantwortlich ist. Besonders gut seien bisherige Erfahrungen mit Standards für Notfallnarkosen. Aber auch bei Narkosen für komplexe Eingriffe seien die Protokolle hilfreich. Die Dokumente werden den Ärzten elektronisch zur Verfügung gestellt. Oberärzte überprüfen im Alltag, ob weniger erfahrenen Kollegen die Prozeduren geläufig sind.

"Vor allem in großen Kliniken mit vielen Weiterbildungsassistenten, die nicht jeden Tag im selben Bereich arbeiten, ist das sehr hilfreich", berichtet Krage. Schriftlich festgelegte Standards sind das eine, die praktische Umsetzung im oft hektischen Klinik-Alltag ist etwas ganz anderes. Doch auch das läßt sich trainieren, etwa mit Hilfe eines Anästhesie-Simulators. Es geht dabei nicht um Techniken wie das Legen eines Katheters: "Die meisten Ärzte sind technisch versiert", sagt Picker.

Der Simulator schult auch die Teamarbeit bei Narkosen

Zu einer erfolgreichen Narkose gehört eine gute Abstimmung im Team. Genau das läßt sich an einem Simulator üben. Das klappt freilich nur, wenn das Ambiente "echt" wirkt. "Wir haben dafür einen Operationssaal nachgebaut, der exakt so ausgestattet ist wie die echten Säle", so Picker. Auf dem OP-Tisch liegt eine Simulatorpuppe unter grünen Tüchern, die gezielt programmiert werden kann. "Ein typisches Beispiel wäre eine 80jährige herzkranke Patientin, bei der es während der Op zu einer Blutung kommt. Aufgabe des Anästhesisten ist es dann, den Kreislauf zu stabilisieren". Das ganze läuft unter demselben Zeitdruck ab wie in der Wirklichkeit. "Wenn unsere Assistenten aus dem Simulator-Raum kommen, dann sind sie ähnlich erledigt wie nach einer komplizierten Narkose", so Picker.

Was aber, wenn trotz Simulator doch einmal etwas schief geht? Für diese Fälle wurde in Düsseldorf ein Fehlermeldesystem, ein "critical incident reporting system" (cirs) eingeführt. Ärzte melden Fehler und Beinahefehler anonym, online oder auf einem Zettel in einem speziellen Briefkasten. Die Klinikleitung erfährt so, wo kritische Punkte sind, die sich beheben lassen, ohne daß Ärzte fürchten müßten, wegen eines Fehlers schief angesehen zu werden.

Macht all das nun die medizinische Versorgung wirklich sicherer? "Wir haben insgesamt den Eindruck, daß sich das Verhalten der Ärzte verändert hat", sagt Picker. So habe in einer Befragung jeder dritte Arzt angegeben, daß er aufgrund der Erfahrungen im Simulator schon einmal anders gehandelt habe als zuvor.

Das Training hat bereits erste konkrete Änderungen bewirkt

Änderungen wurden bereits in die Routine übernommen: "Ein schönes Beispiel sind die Farbcodierungen der Spritzen auf dem Narkosetablett", sagt Krage. Die Adrenalinspritzen und eine Opiatspritze hatten bisher ähnliche Farben gehabt. Dadurch kam es in der Hektik manchmal zu Verwechslungen. Das Problem konnte abgestellt werden, indem die Farbcodierung geändert wurde.

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