Zwei Tote

Toxischer Stoff in Glukosemischung aus der Apotheke

Eine junge Mutter und ihr Neugeborenes sterben, nachdem sie eine Rezeptur aus einer Kölner Apotheke eingenommen haben. Wie viele Patienten sind noch betroffen? Eine Mordkommission ermittelt.

Veröffentlicht: 24.09.2019, 12:28 Uhr
Toxischer Stoff in Glukosemischung aus der Apotheke

Ein Wachmann steht vor der Heilig-Geist Apotheke. Eine junge Mutter und ihr Neugeborenes sind nach Polizeiangaben an den Folgen der Einnahme eines Mittels aus der Kölner Apotheke gestorben.

© Oliver Berg/dpa

KÖLN. Ein toxischer Stoff in einem Glukosemittel ist der Grund dafür, dass ein Test auf Schwangerschaftsdiabetes für eine 28-jährige Kölnerin vergangene Woche tödlich endete – für sie und ihr Baby. Das teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag mit.

Nachdem sie ein Glukosemittel eingenommen hatte, verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Frau rapide, und sie wurde ins Uniklinikum gebracht. Dort wurde dann ihr Baby in der 25. Schwangerschaftswoche per Notkaiserschnitt geboren. Die Frau verstarb noch am selben Tag, der Säugling einen Tag später. Daraufhin leitet die Polizei eine Untersuchung ein. Im Zuge dessen wurden die Klinik, die gynäkologische Praxis und die Heilig-Geist-Apotheke in Köln Longerich, in der in die Frau das Glukosemittel abgeholt hatte, durchsucht.

Am Montagnachmittag zeigten die Ergebnisse toxikologischer Tests, dass der Aufbewahrungsbehälter der Apotheke mit einem giftigen Stoff verunreinigt war. Ob die Kontaminierung absichtlich geschah oder versehentlich, sei noch nicht klar, so Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer am Dienstag. Allerdings wurden weitere Einheiten des Glukosemittels aus demselben Behälter ausgegeben.

Die Glukoselösung war nach Angaben der Polizei für einen standardmäßigen Test bei Schwangerschaftsdiabetes verkauft worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben nun wegen eines Tötungsdelikts gegen Unbekannt.

Warnung vor Einnahme der Rezeptur

Die Polizei warnt nun davor, Glukose aus der Heilig-Geist-Apotheke zu benutzen. Wer noch etwas von dem Präparat zu Hause hat, solle es umgehend bei einer Polizeistation abgegeben. Die Apotheke darf seit gestern Nachmittag keine selbst hergestellten Medikamente mehr ausgeben.

Genauere Angaben zu dem toxischen Stoff machte die Staatanwaltschaft nicht. „Wir wollen erst noch die Zeugenbefragungen durchführen“, so Bremer. „Außerdem wollen wir kein Täterwissen preisgeben.“ Dass das Mittel grundsätzlich in Apotheken vorhanden ist, sei nicht ungewöhnlich. „Aber es hat nichts in dem Glukosemittel zu suchen.“

Die Polizei geht von einem lokalen Problem aus, das sich auf die Heilig-Geist-Apotheke beschränkt, so Andreas Koch, Leiter Kriminalinspektion I. „Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Kontaminierung beim Hersteller passiert ist.“

Es gebe bisher auch keine Berichte vergleichbar anderer Fälle in Köln oder der Bundesrepublik. Dass nicht genau dokumentiert sei, wie viele Chargen des Glukosemittels ausgegeben wurden, sei nicht ungewöhnlich, erklärte Professor Harald Rau vom städtischen Gesundheitsdezernat, da für freiverkäufliche Mittel keine Dokumentationspflicht bestehe.

Die 28-Jährige Frau war nicht die erste Patientin, die negativ auf den Test reagierte. Am Dienstag brach eine Schwangere die Diabetesuntersuchung ab, weil das Mittel nicht wie erwartet süß schmeckte. Trotzdem ging es ihr schlecht und sie wurde zur Kontrolle ins Krankenhaus gebracht, konnte aber nächsten Tag entlassen werden. Ob es für sie oder ihre Baby langfristige Folgen gibt, steht noch nicht fest.

Apotheker hat keine Erklärung für Vorfall

Die beiden Todesfälle nach Einnahme des Glukosemittels stellen den Inhaber der Apotheke nach eigenen Angaben vor ein Rätsel. „Ich bin fassungslos, ich kann es mir nicht erklären“, sagte der Apothekeninhaber Till Fuxius am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Er vertraue auf die Ermittlungen der Polizei. „Dabei bin ich Zeuge nicht Beschuldigter“, betonte der Apotheker.

Seine Apotheke bleibe geöffnet. Sie habe seit Jahren ihre Patienten gut versorgt und werde dies weiter tun. Selbst hergestellte Arzneimittel würden aber vorerst nicht mehr angeboten. „Das ist eine unvorstellbare persönliche Tragödie“, sagte der Inhaber. (noe)

(Wir haben diesen Beitrag aktualisiert am 24.9.2019 um 15.30 h)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Tödliche Rezeptur: Fehler mit Folgen

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