Berufswechsel mit Anfang 50
Vom Augenarzt zum Lokführer: Ingmar Zöller findet bei der S-Bahn sein Glück
Kinderträume halten sich manchmal erstaunlich hartnäckig. Der Berliner Augenarzt Ingmar Zöller hat sie ernst genommen: Mit Anfang 50 verkaufte er seine Praxis und wurde Lokführer bei der S‑Bahn.
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Von der Augenarztpraxis in den Führerstand der S-Bahn: Ingmar Zöller hat seinen Berufswechsel nie bereut.
© Sina Opalka
Berlin. Manche Vorurteile stimmen vielleicht doch. Zum Beispiel dieses: Jedem Manne wohnt ein Kind inne. „Ich habe schon als kleiner Junge davon geträumt, einmal Lokführer zu werden“, bestätigt der Berliner Augenarzt Ingmar Zöller. Und tatsächlich hat er seinen Beruf und seine Praxis eines Tages an den Nagel gehängt, um seinem Kindheitstraum zu folgen: Lokführer werden – bei der Berliner S-Bahn.
„Klar, es hat schon etwas wunderbar Kindliches, wenn man sich darüber freuen kann, ein so großes, schweres Schienenfahrzeug der S-Bahn mit 3.000 Pferdestärken in Bewegung zu setzen. Das ist doch etwas anderes als so filigrane Gerätschaften zu handhaben, wie Spaltlampe, Tonometer und Ophthalmoskop.“
Zöller ist seit fünf Jahren S-Bahn-Lokführer. Bevor er umsattelte, hatte er mit wachsendem Frust über die Arbeit als Augenarzt zu kämpfen. „Ich bin ein schlechter Verkäufer und hatte keine Lust mehr, meinen Patientinnen und Patienten IGeL zu verkaufen. Mir wurde klar: Das halte ich keine 15 Jahre mehr durch.“

Ingmar Zöller ist heute glücklich.
© Sina Opalka
Auf der Suche nach dem Glück
Also verkaufte er mit Anfang 50 seine Praxis. „Ich hatte mich einfach gefragt, worauf ich am Ende meines Lebens zurückschauen möchte“, berichtet Zöller, der dieses Jahr 58 wird. „Und da war die Antwort nicht: jahrzehntelange Arbeit in einer Augenarztpraxis.“
Es geht ihm nicht einfach um einen Jobwechsel, um Gehalt oder eine neue Qualifikation. Es geht ihm vor allem um Glück. „Das kann ich sagen: In meinem neuen Beruf bin ich deutlich glücklicher als in meinem alten Beruf, wenn auch mit weniger Geld“, sagt der ehemalige Augenarzt.
Trotzdem sei die Ophthalmologie ein toller Beruf gewesen, sagt Zöller. „Für mich lag er aber auf Dauer am Rand des Machbaren.“
Zöller, grauer Schopf, schwarze Hornbrille und ein großes Lachen, lebt mit Mann, zwei Kindern und zwei Hunden namens Emil und Hannes im Prenzlauer Berg. Dabei ist es geblieben.
Ehepartner war anfangs skeptisch
Die Arbeitszeiten aber haben sich geändert. Wenn der Schichtplan es will, muss Zöller um 3 Uhr früh raus, um seinen Dienst um fünf Uhr am Ostkreuz anzutreten. Dann rattert er 6 bis 11 Stunden durch die Hauptstadt.
Die Arbeitszeiten gehören zu den notwendigen, schweren Seiten des Lokführerdaseins. Auch sein Männerstimmen-Gesangsquintett, die „Tontäter“, muss sich wegen Zöllers Dienstzeiten gelegentlich nach der Decke strecken. Trotzdem sagte sein Sohn, als die Entscheidung anstand: „Mach das!“
So viel positiven Zuspruch fand Zöller nicht immer. „Mein Mann tat sich anfangs etwas schwer, er war skeptisch, weil er meinen Schritt als sozialen Abstieg wahrgenommen hat und länger brauchte, um die Entscheidung zu akzeptieren“, sagt Zöller. Aber Freunde und Familie sind im Hause Zöller immer noch dieselben, manche Kollegen von der S-Bahn kamen dazu. Renommee-Verlust indessen verspüre er keinen. Und die Vorbehalte von Zöllers Mann sind lange Vergangenheit.
Was den Lokführer an seinem Beruf reizt, sind nicht nur die Touren durch die City von Berlin. Sicher – wenn er die Innenstadtrouten über Spreebrücke und Nord-Süd-Tunnel abfährt, passieren er und seine Fahrgäste Bahnhöfe mit so klingenden Namen wie Zoologischer Garten, Alexanderplatz oder Anhalter Bahnhof. Aber wenn es hinausgehe, an einem Sommermorgen um fünf Uhr nach Strausberg oder Wannsee, „dann liebe ich den Frühdienst, besonders wenn ich mit der Bahn durch die sonnenbeschienene Natur zuckeln kann“.
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Auf 340 km kann sich der Ex-Augenarzt austoben
Langweilig wird es so schnell nicht. Das Berliner S-Bahnnetz ist 340 Kilometer lang und seine Züge halten an 168 Bahnhöfen. Alle zehn bis 20 Minuten rauscht eine Bahn durch. Auf der Stadtbahn und der Nord-/Südbahn sogar alle 3 bis 4 Minuten.
Ihre quietschenden Bremsen und ratternden Räder sind Teil der akustischen Signatur der Stadt geworden. „Dabei bin ich ganz nah an den Fahrgästen, denn wenn ich hinter mir die Tür öffne, stehe ich im Fahrgastraum – wenn alle Plätze besetzt sind, stehen und sitzen da in den bis zu acht Waggons an die 1.100 Menschen.“ Lokführer ist kein einsamer Beruf.
Die Berliner S-Bahn beschäftigt unter ihren rund 1.300 Lokführern zahlreiche Quereinsteiger. Wer einmal als Quereinsteiger im Führerstand einer S-Bahn Platz nehmen will, muss eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen und eine etwa einjährige Ausbildung absolvieren.
Hohes Lernpensum für den Lokführer-Führerschein
„Wer als Quereinsteiger Lokführer werden will, muss 11 Monate lernen. Der Stoff hat es allerdings in sich“, sagt Zöller. Viel Theorie steht auf dem Lehrplan, viele Regelwerke bis hin zum praktischen Bremsenprüfen und Vorschriften für den Ausnahmefall, zum Beispiel bei einem Polizeieinsatz im Zug.
„Anfangs habe ich geschludert, das muss ich einräumen“, sagt Zöller. „Also musste ich den Stoff am Küchentisch nachholen. Im Alter fällt einem das Lernen ja nicht mehr so leicht.“ „Kannste mal sehen“, spottete sanft sein damals 16-jähriger Sohn.
Gewiss, es war nicht alles schlecht am ersten Beruf. Vor allem die Langzeitpatienten zu begleiten, war eine zufriedenstellende Aufgabe. „Das ging ja über Jahre, und den langen Kontakt zu ihnen habe ich sehr genossen. Das hat mich zufrieden gemacht, auch wenn ich wusste, dass ihre Erkrankung nie ganz ausheilen würde.“
„Gesellschaft braucht mich als Lokführer“
Was ihn heute zufriedenstellt, „ist zum Beispiel, die Pendler morgens während der Rush-hour zur Arbeit zu fahren. Da werde ich ein Stück der Stadt und halte sie mit am Leben“.
Wirklich Unverständnis über seine Entscheidung habe kaum jemand geäußert, berichtet Zöller. „Aber ich kenne inzwischen viele Ärztinnen und Ärzte, die – wie ich damals – von der eigenen Arztpraxis die Nase gestrichen voll haben!“ Das medizinische Versorgungssystem sei „auslaugend“.
Gewissensprobleme mit seiner Entscheidung habe er nicht. „Die Gesellschaft hat lange und viel in mich investiert. Und ich habe lange mit Herzblut gearbeitet und zurückgegeben. Die Gesellschaft braucht mich jetzt als Lokführer.“
Vor Kurzem hat Zöller eine Freundin in ihrer Augenarztpraxis vertreten und festgestellt, dass er nichts vermisse. „Vielleicht“, so sinniert Zöller am Schluss des Gesprächs, „vielleicht ist es gar nicht so sehr eine kindliche Befriedigung für mich, täglich mit einer großen Maschine unterwegs zu sein. Es ist aber eine sehr erwachsene Entscheidung gewesen, den Beruf zu wechseln, als es Zeit war.“











