Wenn Kinder in Angst leben, weil Mutter dem Alkohol verfallen ist

Sucht in Familien ist besonders für Kinder ein Problem. Viele fragen sich: Bin ich schuld an der Sucht meiner Eltern? Eine Beratungsstelle in Marburg hilft.

Von Gesa Coordes Veröffentlicht:

MARBURG. Eva war erst zehn, als sie für ihren Vater einspringen musste. In der elterlichen Gastwirtschaft zapfte sie Bier für die Gäste, auf dem Feld packte sie mit an, während ihr Vater irgendwo versteckt seinen Rausch ausschlief. Wann er mit dem Trinken begann, weiß sie selbst nicht mehr so genau. An ihre eigene Hilflosigkeit und die Angst um den Vater erinnert sie sich um so besser. Die Schnapsflaschen, die sie in Gummistiefeln oder im Heu fand, schüttete sie heimlich aus. "Ich hätte mir gewünscht, dass es Erwachsene gegeben hätte, die mit uns Kindern gesprochen hätten", sagt die heute 55-Jährige. Doch Verwandte und Bekannte hatten nur mitleidige Gesten.

Dabei brauchen Kinder aus Suchtfamilien frühzeitig Hilfe und Unterstützung, weiß Diplom-Pädagoge Stefan Stark. Der 38-Jährige arbeitet bei "Drachenherz", einem Projekt, bei dem betroffene Kinder und Jugendliche gestärkt werden sollen. Vor knapp einem Jahr wurde es mit Hilfe der Aktion Mensch von der Suchthilfeorganisation Blaues Kreuz in Marburg gestartet.

In Hessen gibt es nur in Kassel ein weiteres Hilfsangebot dieser Art, bundesweit sind es 47. Dabei kommen in Deutschland mehr als zwei Millionen Heranwachsende aus Familien mit mindestens einem alkoholsüchtigen Elternteil. Zwei Drittel von ihnen greifen später selbst zur Flasche oder gehen eine Beziehung mit einem suchtkranken Partner ein. So war es auch bei Eva: Ihr Vater schaffte es in ihrer Jugendzeit, sich vom Alkohol zu lösen, sie selbst geriet an einen Mann, der trank -  heute aber trocken ist. Für Eva ist es heute selbstverständlich, dass sie sich ehrenamtlich für das Projekt engagiert.

Kinder übernehmen früh Familien-Veranwortung.

Für die Kinder ist der Alkohol ein Familiengeheimnis, über das sie nicht einmal mit ihren Freunden sprechen, weiß Stefan Stark. Deshalb stellen sich die Projektmitarbeiter regelmäßig in Schulen vor. Die ersten Kontakte entstehen dann fast immer anonym per E-Mail. Erst später kommen die Jugendlichen allein oder in Gruppen zu Spielstunden und Gesprächen in die Beratungsstelle.

Dort wollen viele Kinder nicht im Kaufmannsladen oder mit der Ritterburg spielen. "Ich habe kleine Erwachsene vor mir, die gar nicht spielen wollen", erzählt der Diplom-Pädagoge. Sie sorgten sich dauernd darum, wie es den Eltern gehe, dabei sind die Jüngsten erst sieben Jahre alt. "Die Kinder übernehmen früh ganz viele Aufgaben im Haushalt", sagt Stark, "aber sie überspringen wesentliche Entwicklungsschritte".

Besonders dramatisch sei die Situation bei Kindern von trinkenden Müttern. Dann gebe es meist sehr wenig Struktur in der Familie, die Kinder erleben Chaos, Streit, fehlende Geborgenheit und oft auch Gewalt. Wie es ihnen selbst geht, sei oft nicht gut erkennbar. Viele fühlen sich schuldig für die Alkoholsucht, manche leiden unter Ängsten und Depressionen. Die Spiel- und Gesprächsgruppen entlasten und stärken die Jugendlichen. Stark: "Sie sollen wissen, dass sie nicht der Grund sind, warum ihre Eltern trinken."

Projekt Drachenherz: www.drachenherz.blaues-kreuz-marburg.de

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