Bericht des RKI
Long-COVID geht wohl meist mit unspezifischen Symptomen einher
Long COVID stellt die Gesundheitsforschung vor Herausforderungen. Die genauen Ursachen der Erkrankung sind weiterhin unklar und die Symptome variieren zwischen den Betroffenen stark. Eine Bestandsaufnahme.
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Long COVID stellt nicht nur für Betroffene und ihre Angehörigen eine große Belastung dar, sondern geht auch laut Robert Koch-Institut mit nicht einschätzbaren längerfristigen Folgen für die Bevölkerungsgesundheit einher.
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Berlin. Long-COVID-Symptome treten mit einer Häufigkeit von etwa 10 bis 15 Prozent bei den mit SARS-CoV-2-infizierten Personen auf. Bei einem Großteil der Betroffenen bilden sie sich innerhalb eines Jahres zurück, berichtet ein Team der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts.
In einem narrativen Review, basierend auf einer fortlaufenden Literaturrecherche, liefert das Team um Dr. Julia Nübel einen Überblick über die Folgen für die Bevölkerungsgesundheit und das Versorgungssystem.
Zeitliche Einordnung gesundheitlicher Langzeitfolgen
- Akute SARS-CoV-2 Infektion: bis zu vier Wochen
- Long COVID: Beschwerden und Symptome nach vier Wochen
- Post-COVID-19: Beschwerden und Symptome nach 12 Wochen
Zeitliche Einordnung von gesundheitlichen Langzeitfolgen nach einer SARS-CoV-2-Infektion basierend auf der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2021 und der US-amerikanischen National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (NASEM). Die Falldefinition ist nach Angaben der WHO als vorläufig zu betrachten und gegebenenfalls an neue Forschungsergebnisse anzupassen.
Der Großteil der internationalen Studien zur Epidemiologie von Long COVID bezieht sich in Anlehnung an die Falldefinition der WHO auf Long-COVID-Symptome, welche anderweitig nicht erklärt werden können.
Retrospektive Kohortenstudie
Kinder und Jugendliche: Doppeltes Long-COVID-Risiko nach zweiter Corona-Infektion
Ursachen der Erkrankung weiterhin unklar
Long COVID umfasst eine Vielzahl möglicher gesundheitlicher Langzeitfolgen nach einer SARS-CoV-2-Infektion, die unterschiedliche Organsysteme betreffen sowie einzeln oder in Kombination auftreten können. Da die Beschwerden in ihrer klinischen Ausprägung sowie im Verlauf teils stark variieren, lässt sich bislang kein einheitliches Krankheitsbild abgrenzen, fassen die Autorinnen zusammen.
Auch die zugrundeliegenden Krankheitsursachen und -mechanismen sind bislang nur unzureichend verstanden. Gängige Hypothesen sind:
- das SARS-CoV-2-Virus verbleibt im Körper (sog. „Viruspersistenz“) und führt so – trotz Abklingen der akuten Infektion – zu gesundheitlichen Beschwerden.
- Long COVID liegt die Reaktivierung latenter Viren (z.B. Epstein-Barr-Virus) infolge einer SARS-CoV-2-Infektion zugrunde.
- Das SARS-CoV-2-Virus fehlleitet immunologische Prozesse, die gegen körpereigene Zellen oder Gewebe gerichtet sind und zu chronischen Entzündungen und endothelialer Dysfunktion führen.
- Auch Änderungen der Darmflora können an der Entstehung von Long COVID beteiligt sein.
Meist unspezifische Symptome in Verbindung mit Long COVID
Zu unspezifischen gesundheitlichen Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion zählen laut dem Review des RKI:
- hochgradige Erschöpfung/Müdigkeit (Fatigue)
- kognitive Einschränkungen wie z.B. Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (Brain Fog)
- anhaltende respiratorische Beschwerden wie Kurzatmigkeit und persistierender Husten
Auch die klinische Falldefinition eines Post-COVID-Zustands der WHO listet Erschöpfung, Kurzatmigkeit und kognitive Einschränkungen als häufig mit Long COVID assoziierte Symptome. Aus Meta-Analysen ließ sich neben diesen drei Symptomkomplexen ein signifikant erhöhtes Risiko für zahlreiche weitere post-akute Beschwerden im Vergleich zu Personen ohne Infektions-Nachweis identifizieren:
- Geruchs- und Geschmacksveränderungen
- Haarausfall
- Palpitationen
- Brustschmerzen
- Muskel- oder Gelenkschmerzen
- Magen- und Darmbeschwerden
Dabei zeigte sich auch ein erhöhtes Risiko für eine Belastungsintoleranz, die Post Exertionelle Malaise (PEM), welche anhand eines internationalen Delphi-Abstimmungsverfahrens auch als ein „Core Outcome“ von Long COVID im Erwachsenenalter identifiziert wurde. Damit wird eine ausgeprägte Symptomverschlechterung bezeichnet, welche bereits nach leichter körperlicher oder psychischer Belastung auftreten kann und über mehrere Tage oder Wochen bestehen bleiben kann.
Aus epidemiologischen und klinischen Beobachtungsstudien wurden weitere mögliche Symptomkomplexe in Zusammenhang mit einer vorangegangenen SARS-CoV-2-Infektion gebracht:
- das Posturale Tachykardie-Syndrom (POTS)
- Organschäden (z.B. chronische Schädigungen der Lunge)
- Verschlechterungen von Grunderkrankungen
- erhöhte Inzidenzen für neu aufgetretene Erkrankungen (inklusive bestimmte chronische, nicht übertragbare Erkrankungen), wie neurodegenerative Erkrankungen (Demenz), Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen sowie gastrointestinale Störungen.
Ebenso zeigten Auswertungen von GKV-Daten aus Deutschland, dass bei Erwachsenen mindestens drei Monate nach einer dokumentierten COVID-19-Erkrankung signifikant häufiger neue Gesundheitsprobleme diagnostiziert wurden als bei Vergleichspersonen.
Die Autorinnen betonen, dass bei der Interpretation der Studien zu beachten ist, dass schwerer Betroffene, zum Beispiel jene mit ME/CFS, in bevölkerungsbezogenen Studien generell eher unterrepräsentiert sind.
Risiko einer Erkrankung abhängig von Vorerkrankungen und Geschlecht
Sowohl die Schwere einer akuten COVID-19-Erkrankung als auch das Long-COVID-Risiko ist nach vorliegenden Erkenntnissen stark von individuellen gesundheitlichen Vorbelastungen beeinflusst, fassen die Autorinnen zusammen.
So wird ein erhöhtes Risiko für Long-COVID-Symptome für eine Reihe von vorbestehenden Beschwerden und Erkrankungen berichtet, wie z.B. Asthma und chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) sowie kardiovaskuläre Erkrankungen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass auch Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder körperliche Inaktivität das Long-COVID-Risiko erhöhen könnten.
Soziodemografische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle: So haben Frauen wohl ein höheres Risiko für Symptome als Männer. Unterschiede nach Geschlecht werden auch hinsichtlich der Art, Schwere und Dauer der Long-COVID-Symptome berichtet sowie den potenziell zugrundeliegenden Krankheitsmechanismen. Als möglicher Grund werden geschlechtsspezifische Unterschiede des Immunsystems und der Autoimmunreaktionen diskutiert.
Auch soziale Faktoren beeinflussen: Beispielsweise wurde bei Personen, die in Gebieten mit größerer sozioökonomischer Deprivation leben, ein erhöhtes Long-COVID-Risiko beobachtet. Insgesamt ist die Datenlage zum Einfluss des sozialen Status oder sozialräumlicher Deprivation jedoch limitiert und uneindeutig. Dennoch ist naheliegend, dass bestehende soziale Unterschiede bei Vorerkrankungen, Lebensstilfaktoren und Impfstatus zu sozialer Ungleichheit bei Long COVID beitragen. (help)













