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Wenn für Musiker ihr Beruf zur Qual wird

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HANNOVER (dpa). "Die Bratsche ist ein echtes Schmerzensinstrument", sagt Professor Eckart Altenmüller. Bei Pianisten ist oft der Rücken lädiert, bei Bläsern die Lippen geschunden. Berufsmusiker mit solchen Problemen haben oft schon einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, bevor sie zu Altenmüller in die Sprechstunde kommen. Der Neurologe und Flötist ist Chef einer in Deutschland einzigartigen Spezialambulanz für Musiker.

Altenmüller leitet das Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Musik-Hochschule Hannover. Seit Start der Sprechstunde für schmerzgeplagte Musiker 1994 kamen über 3000 Pianisten, Flötisten, Gitarristen, Schlagzeuger und andere Solisten oder Orchestermusiker zu ihm. Sie reisen aus dem In- und Ausland an. "Die Leute haben echte Angst, vielleicht nie mehr Musik machen zu können und ihren Beruf zu verlieren", berichtet Altenmüller.

Kulturmanager und Organist Michael Grüber aus Sulz am Neckar war so ein Patient. Grüber verdiente sein Geld mit Rundfunkaufnahmen und Konzerten, bis es ihn 1990 traf: "Ich konnte beide Handgelenke nicht mehr benutzen. Innerhalb von drei Monaten war es so schlimm, dass ich keine Tasse Kaffee mehr halten konnte, geschweige denn Autofahren." Kein Arzt konnte helfen, Grüber wurde mit 33 Jahren Frührentner.

"Das ganze Übel beginnt oft im Studium", so Altenmüller. "Viele Professoren schauen nicht, wie sitzt der Student am Klavier, hat er Angst vor Auftritten oder macht er gerade eine persönliche Krise durch." Hätte es 1990 schon die Spezial-Ambulanz in Hannover gegeben, würde Grüber sein Geld heute vielleicht noch als Organist verdienen und nicht mit einem Noten-Fachhandel.

Patienten bringen meist ihr Instrument zur Untersuchung mit

In der Ambulanz, in der Mediziner, Psychologen, Physiker, Biologen und Musikwissenschaftler Hand in Hand arbeiten, werden alle schmerzgeplagten Virtuosen zunächst sorgfältig neurologisch, orthopädisch und internistisch untersucht. Doch anders als beim Haus- oder Facharzt müssen die Patienten ihr Instrument mitbringen und anschließend vorspielen, damit Altenmüller Fehlhaltungen oder Muskelüberspannungen auf die Spur kommen kann. Der Spezialist fragt nach Übe-Gewohnheiten, aber auch nach der Berufszufriedenheit und dem sozialen Status. "Das ist oft fast das wichtigste", betont der Neurologe. Und er nimmt sich Zeit für jeden Einzelnen, hört ihm genau zu, anderthalb Stunden, egal ob privat oder gesetzlich versichert. Dabei hat er festgestellt: Musiker leiden anders. Zu Medikamenten greifen sie ungern und wenn, dann oft zu spät. "Für die allermeisten ist Musizieren kein Beruf, sondern eine Lebensform, seit der Kindheit zu einem wesentlichen Kern des Ichs geworden", erklärt Altenmüller.

Mehr als die Hälfte seiner Patienten leidet unter Krämpfen oder Lähmungen im Bewegungsapparat. Hier verordnet der Neurologe zunächst Schmerzmittel, vielen spritzt er auch das aus der Schönheitschirurgie bekannte Botulinumtoxin A, um Muskelkrämpfe zu entspannen. Prominente Opfer dieser Musikerkrämpfe waren in der Vergangenheit etwa Robert Schumann oder Glenn Gould.

Für Altenmüller ist es auch wichtig, dass Patienten ihre Selbstansprüche hinterfragen. Dann geht es an Änderungen in Spieltechnik und Übe-Strategien. "Die Kunst ist es, im richtigen Moment mit dem Üben aufzuhören", so seine Erfahrung.

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