Gesellschaft

Wider eine Medizin ohne Menschlichkeit

FRANKFURT/MAIN (Smi). Er gilt als berühmtester deutscher Arzt-Intellektuelle der Gegenwart und steht wie kein anderer Kollege für die Aufarbeitung jener Verbrechen, die Ärzte während der Nazi-Diktatur verübten: Vor 100 Jahren wurde der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich geboren.

Veröffentlicht:
Steht wie kein anderer Arzt für eine kompromisslose Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes: Alexander Mitscherlich.

Steht wie kein anderer Arzt für eine kompromisslose Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes: Alexander Mitscherlich.

© Foto:dpa

Mitscherlich kam am 20. September 1908 in München zur Welt. Von 1928 bis 1932 studierte er in München Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, brach das Studium jedoch ab, als sich der antisemitische Nachfolger seines Doktorvaters Paul Joachimsen weigerte, die Arbeiten seines gestorbenen jüdischen Vorgängers weiter zu betreuen. 1933 zog Mitscherlich nach Berlin.

Dort eröffnete er eine Buchhandlung, die von der SA 1935 geschlossen wurde. Da er in Berlin wegen seiner Arbeit für den Widerstand steckbrieflich gesucht wurde, emigrierte er in die Schweiz. In Zürich setzte er ein kurz zuvor begonnenes Medizinstudium fort, wurde aber 1937 auf einer Fahrt nach Deutschland von der Gestapo verhaftet und acht Monate inhaftiert.

Nach seiner Freilassung schloss Mitscherlich sein Studium in Heidelberg ab und promovierte bei Victor von Weizsäcker "Zur Wesensbestimmung der synästhetischen Wahrnehmung". Danach arbeitete er als Neurologe, habilitierte sich 1946 mit der Schrift "Vom Ursprung der Sucht" und übernahm in Heidelberg eine Professur für Somatische Medizin.

Als Beobachter und Sachverständiger erlebte Mitscherlich die Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Ärzte und verfasste eine Dokumentation, die ihn über Deutschland hinaus berühmt machte: "Wissenschaft (später Medizin) ohne Menschlichkeit". 1959 gründete er in Frankfurt am Main das Sigmund-Freud-Institut, das er bis 1976 leitete. Schwerpunkte seiner Arbeit waren die Aufarbeitung der deutschen Schuld.

Mit seiner dritten Frau Margarete Mitscherlich, die er 1952 heiratete, verfasste er sein wohl berühmtestes Werk: "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967), das eine ganze Generation von Intellektuellen beeinflusst hat. Am 26. Juni 1982 ist Mitscherlich in Frankfurt gestorben.

Mehr zum Thema

Pssst, nicht stören

Nickerchen für Krankenhaus-Mitarbeiter im Kommen

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
In vielen Einrichtungen längst gefordert, das Einhalten der 3G-Regel. MEDI setzt sich dafür ein, dass auch Arztpraxen außerhalb von Notfällen die 3G-Regel anwenden können, in vielen Kliniken sei dies schon üblich.

© Sebastian Gollnow / dpa

Corona-Pandemie

MEDI fordert 3G in der Arztpraxis

Medizinstudent Heiner Averbeck.

© Porträt: Lukas Zähring | Hirn: grandeduc / stock.adobe.com

„ÄrzteTag“-Podcast

Haben Sie nach Ihrem Medizinstudium noch Lust auf Arzt, Herr Averbeck?

Impfung gegen Corona: Aufgrund aktueller Studiendaten rät das Kompetenznetz MS (KKNMS) bei allen MS-Patienten unabhängig von ihrer Immuntherapie zu einer COVID-19-Impfung.

© fotoak80 / stock.adobe.com

Aktuelle Studien

Corona-Impfung für Patienten mit Multipler Sklerose sicher