TV-Kritik

Wie kann man glücklich sterben?

Gibt es ein glückliches Sterben? Diese Frage hat eine Talkrunde bei Moderatorin Anne Will am Mittwochabend in der ARD diskutiert. Hauptsächlich drehte es sich um aktive und passive Sterbehilfe - aber auch auf das gesellschaftliche Problem mit einer zunehmenden Isolation der Menschen wurde hingewiesen.

Von Christoph FuhrChristoph Fuhr Veröffentlicht:

NEU-ISENBURG. "Das Leben ist Gnade Gottes", sagt Hans Küng. Und weil das so ist, hat der Mensch nicht das Recht, sein Leben selbst oder mit fremder Hilfe vorzeitig zu beenden - so argumentieren die meisten seiner katholischen und evangelischen Mitchristen.

Küng (85), im Vatikan einst in Ungnade gefallener katholischer Theologe und Priester, zieht aus der Gnade Gottes allerdings eine völlig andere Schlussfolgerung.

"Wir alle haben Verantwortung für unser Leben", sagt er, und dazu gehört für ihn durchaus auch die Option, mit fremder Hilfe aus diesem Leben zu scheiden.

Reise in die Schweiz möglich

Er hat Parkinson und lässt keinen Zweifel darüber, dass "irgendwelche Zeichen von Demenz" ihn motivieren würden, sein Leben zu beenden.

Küng möchte so sterben, "dass ich noch voll Mensch bin und nicht reduziert auf ein vegetatives System". Er will auch nicht ausschließen, Sterbehilfe einer Schweizer Organisation in Anspruch zu nehmen.

Als Beitrag in der ARD-Themenwoche "Glück" beschäftigte sich Anne Wills Talkrunde am Mittwochabend mit einer sehr speziellen Frage: "Gibt es ein glückliches Sterben?"

Theologe Küng war aus Altersgründen zwar nicht im Studio, seine für konservative Vertreter in der Sterbedebatte eher provozierenden Statements wurden aber eingeblendet, sein Interview mit Anne Will strahlte die ARD danach in voller Länge aus.

Zuschauer kommen leicht an ihre Grenzen

Bei all den vielen Talksendungen zur Sterbehilfe - und das war diesmal leider nicht anders - geraten Zuschauer, die sich nicht ständig mit diesem Themenkomplex beschäftigen, leicht an ihre Grenzen.

Aktive, passive und indirekte Sterbehilfe, assistierter Suizid, Patientenverfügung und Vorsorgevollmachten, das sind Begriffe, die oft nicht sauber voneinander zu trennen sind - mit vielen, zum Teil verwirrenden Definitionen.

"Er wollte tot sein, aber nicht sterben", sagte der Journalist Tilman Jens über seinen Vater Walter, der an einer vaskulären Demenz und Alzheimer litt.

"Die letzten zehn Jahre - das hätte nicht sein müssen", beschrieb er den langen Leidensweg des berühmten Professors für Rhetorik an der Uni Tübingen, der im Juni gestorben ist.

Tilman Jens forderte das Recht auf aktive Sterbehilfe, aber nicht, wie allzu oft von einzelnen Gästen in deutschen TV-Talkrunden zu beobachten, im Sinne eines allein selig machenden Rechtsanspruchs, mit dem sich angeblich alle Widersprüche und Abgründe des Sterbens in Luft auflösen.

Probleme bei passiver Sterbehilfe

Hubert Hüppe (CDU), Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, wandte sich einmal mehr gegen jede Form von aktiver Sterbehilfe, wies aber zugleich auf die nicht genutzten Handlungsoptionen der passiven Sterbehilfe hin.

Zur Erinnerung: Passive Sterbehilfe bedeutet Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen. Zulässig ist sie nach dem Urteil des BGH vom 25. Juni 2010, wenn der Abbruch in einer Patientenverfügung festgelegt wurde.

Nicht nur Hüppe weiß, dass auch die klare Verfügung keinesfalls die Anwendung der passiven Sterbehilfe garantiert. "Man zwingt Menschen zu oft weiterzuleben", beklagte der Unionspolitiker. "Man muss nicht bis zuletzt alles tun und den Patienten quälen."

Wie schwierig sich dieses Problem im Detail darstellt, beschrieb die Psychotherapeutin Angelika Kallwass. Ihre schwer lungenkranke Mutter wollte sterben und hatte schon um Zyankali gebeten. Das lehnte Kallwass ab.

Nachdem die Mutter jede Aufnahme von Nahrung verweigert hatte, spitzte sich die Situation zu. Bei der Entscheidung über eine passive Sterbehilfe ließ sich Kallwass schließlich von einem Spezialanwalt beraten.

Immer mehr Schläuche, immer weniger Seele

Es gibt offenbar einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass die vom Gesetzgeber erlaubte passive Sterbehilfe gut und sinnvoll ist: Sie bietet einen würdevollen und angemessenen Umgang mit Sterbenden. In der Umsetzung gibt es aber immer noch zu viele Schwachstellen und Unwägbarkeiten.

Christiane zu Salm, Medienmanagerin und ehrenamtliche Sterbehelferin, setzte in der Sendung ganz andere Akzente: "Wo auch immer ich hinkomme, sehe ich Schläuche, aber immer weniger Seele."

Ihre Erfahrung: Zu viele Menschen sterben mutterseelenallein, stammen aus zerrissenen und zerrütteten Familien, haben keinen sozialen Halt. Sie finden nicht die Chance, sich vor dem Sterben Dinge von der Seele zu reden, loslassen zu können, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Isolation - ein gesellschaftliches Problem, das die Debatte um würdevolles Sterben in Deutschland jenseits von Rechtsansprüchen in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

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