Verbrauch pro Kopf

1,5 Arzneimittel jeden Tag

Um 45 Prozent ist der Verbrauch an verordneten Arzneimitteln seit 2004 gestiegen: auf 37,9 Milliarden Tagesdosen im vergangenen Jahr.

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BERLIN. Die knapp 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung haben im Jahr 2012 633 Millionen Arzneimittelpackungen von Vertragsärzten verordnet bekommen.

Präzise lässt sich der Verbrauch in Arzneidosen ausdrücken: 37,9 Milliarden - das sind im Durchschnitt pro Kopf und Tag 1,5 Arzneimittel, die ein Patient zu sich nimmt. Das geht aus einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) hervor.

Der Blick auf das Wirkstoffprofil des Jahres 2012 zeigt, dass die großen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magen-Darm-Krankheiten oder Diabetes medikamentös behandelt werden. So vereinigen die 20 meistverordneten Wirkstoffklassen mit 841 Wirkstoffen oder Wirkstoffkombinationen bereits mehr als 86 Prozent aller verordneten Tagesdosen.

Knapp 21 Prozent der im vergangenen Jahr verordneten Tagesdosen entfielen auf Antihypertonika wie ACE-Hemmer und Sartane.

Indizien für Krankheitslast der Gesellschaft

Seit 1981 analysiert das WIdO mit dem GKV-Arzneimittelindex den deutschen Arzneimittelmarkt. Das Ziel ist eine verbesserte Anwendungs- und Markttransparenz.

Hierfür stellt die aktuelle Klassifikation Kategorien für mehr als 7000 Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen auf fünf verschiedenen anatomischen, therapeutischen und chemischen Ebenen sowie die dazu gehörenden Tagesdosen als Maßeinheit für den Verbrauch zur Verfügung.

Zu den Nutzern zählen die GKV-Arzneimittelschnellinformationen, die Ärzten Aufschluss über ihr Verordnungsverhalten geben.

Seit 2009 dient die Klassifikation auch zur Identifikation kranker Versicherter im Rahmen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs, über den die Zuweisungen der Finanzmittel vom Gesundheitsfonds an die Krankenkassen gesteuert wird.

Insofern werden Daten über den Arzneimittelverbrauch auch als Anhaltspunkt für die Krankheitslast in der Gesellschaft genutzt. (HL)

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

Demografiebedingte Medikalisierung und Pathologisierung?

Die Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) ist keineswegs so dramatisch, wie es den Anschein hat: Die extrem verbreitete "low-dose"-Prophylaxe mit ASS 50-100 mg täglich, ein Antihypertensivum für die 50 Prozent der Gesamtbevölkerung jenseits des 50. Lebensjahres, die unter Hypertonie und hypertensiver Herzerkrankung leiden, bzw. die Senkung hohen Cholesterins mit CSE-Hemmern ergeben schon drei Medikamenteneinnahmen pro Tag.

Dieses für hochentwickelte postindustrielle Länder typische Bild wird noch ergänzt durch z u s ä t z l i c h e medikamentöse Maßnahmen als Folge von Distress, Bewegungsmangel, Überernährung, metabolischem Syndrom und Diabetes mellitus. Von Systemerkrankungen wie Neoplasien, Rheuma, multipler Sklerose (MS), chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten (CED), Epilepsie, M. Parkinson, M. Alzheimer, Kollagenosen usw. ganz zu schweigen.

Viel interessanter als das ambulante medikamentöse "Grundrauschen" wäre allerdings eine WIdO-Studie zur Anzahl der täglich verabreichten Medikamente im s t a t i o n ä r e n Bereich. Tägliche Medikamentengaben von weniger als 10 verschiedenen Präparaten sind in den Krankenhäusern eher exotische Ausnahmefälle. Medikalisierung und Pathologisierung im Alltag schreiten voran.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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