Nach dem Super-GAU

Atomkritiker zweifeln an Fukushima-Folgen

Fünf Jahre nach der Katastrophe von Fukushima gehen die Meinungen auseinander: Eine drastische Zunahme von Krebsfällen bei Kindern in Nordostjapan attestieren die einen Ärzte. Andere tun es mit dem "Screeningeffekt" ab.

Von Jonas Tauber Veröffentlicht:
Eine Patientin in Fukushima wird vom Japanischen Roten Kreuz auf ihre radioaktive Belastung untersucht.

Eine Patientin in Fukushima wird vom Japanischen Roten Kreuz auf ihre radioaktive Belastung untersucht.

© AFLO / imago

"Es handelt sich um keine Überschätzung, das ist wirklich ein falscher Vorwurf", sagte Dr. Angelika Claußen, Europa-Vorsitzende der IPPNW, am Mittwoch in Berlin. So seien im Zuge einer Folgeuntersuchung an der Universität Fukushima von 100 betroffenen Kindern in etwa 90 Prozent der Fälle Lymphknoten-Metastasen gefunden worden. "Das ist nicht gesund, und es ist gut, dass die Kinder operiert wurden", so Claußen.

Japanische Experten, wie Dr. Masahiro Nakashima vom Atomic Bomb Disease Institute der Universität Nagasaki, hingegen beharren darauf, der Anstieg hänge sehr wohl mit dem Screeningeffekt zusammen, wie er im September vergangenen Jahres im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" hervorgehoben hat. Vor der Katastrophe sei die Schilddrüse der Kinder nicht untersucht worden. Außerdem habe sich die Qualität der medizinischen Untersuchungen "dramatisch verbessert", so dass man Veränderungen des Gewebes besser entdecken könne, sogar Knoten unter zwei Millimetern Größe.

Vorwurf mangelnder politischer Aufklärung

IPPNW hat jetzt aus Anlass des fünften Jahrestages der Katastrophe von Fukushima und des 30. Jahrestages der Kernschmelze von Tschernobyl einen Report erstellt, der die gesundheitlichen Folgen der beiden Ereignisse beleuchtet. Unterschieden wird zwischen Krebserkrankungen, Nicht-Krebserkrankungen und die genetischen Folgen.

Ein Grundvorwurf lautet, dass die Politik wenig für die Aufklärung von Folgeschäden getan hat. "Sowohl die Sowjetregierung und die jeweiligen Nachfolgeregierungen als auch die japanische Regierung benutzten systematisch Methoden, um Folgen für die Gesundheit und Umwelt möglichst unsichtbar zu machen", heißt es im Bericht.

Zu den Maßnahmen nach der Katastrophe in Japan gehören Ultraschalluntersuchungen der etwa 370.000 Kinder in der Präfektur Fukushima auf Schilddrüsenkrebs. Bisher wurden laut Claußen 115 Krebsfälle bestätigt und operativ behandelt. Dazu gebe es weitere 50 Verdachtsfälle.

Bessere Technik

Dass dieser mehr als deutliche Anstieg von Krebsrisiken - IPPNW beziffert die übliche jährliche Rate an Neuerkrankungen in Japan in Bezugnahme auf das japanische Gesundheitsministerium auf 0,3 Fälle im Jahr pro 100.000 Kinder - allein durch die Strahlenbelastung zu erklären ist, bezweifeln eben die Anhänger der These vom Screeningeffekt. Die Zunahme von Krebsdiagnosen ist nach deren Ansicht auch durch mehr Untersuchungen mit Hilfe immer besserer Technik zu erklären.

Beim ersten Schilddrüsenkrebs-Screening wurden zwischen 2011 und 2013 rund 300.000 Kinder untersucht, berichtete Claußen. Derzeit laufe ein zweites Screening, bei dem alle etwa 370.000 Kinder in Fukushima untersucht werden sollen. Bisher haben demnach etwa 200.000 Kinder die Reihenuntersuchung durchlaufen, sie soll 2016 abgeschlossen werden.

Claußen kritisierte, dass in Japan neben dem Schilddrüsen-Screening bei Kindern lediglich die direkt am Atomkraftwerk eingesetzten Arbeiter auf ihre Gesundheit überprüft worden seien. Arbeiter, die nicht unmittelbar an der Unfallstelle, sondern in einem 20-Kilometer-Radius um den havarierten Meiler Aufgaben übernommen hatten, seien dagegen ebenso wenig untersucht worden wie die erwachsene Gesamtbevölkerung in der Präfektur.

Zweifel an Angaben japanischer Regierung

Claußen sagte außerdem, die tatsächliche Belastung durch Cäsium in Folge von Fukushima sei doppelt so hoch, wie von der japanischen Regierung zugegeben. "Wir wissen das aus Untersuchungen eines norwegischen und eines Wiener Instituts", behauptete sie.

Auch die Atomkatastrophe in Tschernobyl ist nach Angaben von IPPNW noch immer nicht ausgestanden. Viele Menschen litten weiter unter den Folgen, darunter die mehr als 830.000 Liquidatoren und die 350.000 Evakuierten aus der 30-Kilometer-Zone.

Claußen sagte, die Zahl der Krebserkrankungen in Folge von Tschernobyl sei sehr schwer zu schätzen. Anhand der Strahlenbelastungen reichten die Schätzungen zwischen einigen Zehntausend und rund 850.000 Erkrankungen. Laut Claußen wird bei niedrigeren Schätzungen oft ignoriert, dass "nur" 36 Prozent der Gesamtradioaktivität in Russland, Weißrussland und Ukraine niedergegangen ist, 53 Prozent dagegen über dem übrigen Europa. (Mitarbeit: maw)

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