Rückblick

"Die Ausbildung mau, die Ärzte überfordert"

Ein 33-jähriger Arzt in Weiterbildung* erinnert sich an sein PJ. Er sagt: Wir brauchen klare Qualitätsstandards!

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Im Rückblick war mein PJ eine absolut tolle Zeit. Es ging mir gut im PJ. Das lag sicher auch daran, dass in dieser Zeit unser erstes Kind zur Welt kam. Ich kann jedenfalls nicht ins Horn der ewigen Beschwerden stoßen, obwohl einige Sachen auch nicht so rund liefen.

Mein PJ liegt jetzt schon sechs Jahre zurück. Damals hatte man den Theoretischen Teil des Studiums vor dem PJ noch nicht abgeschlossen. Das ist ja heute anders und die PJler haben einen höheren Wissensstand als wir vor ein paar Jahren. Aber Geld gibt es immer noch keines. Wir haben uns seinerzeit finanziell durchgeschlagen. Das ging irgendwie.

Ich habe das PJ in drei verschiedenen Krankenhäusern gemacht. Mein Wahltertial war Orthopädie. Im Vergleich zu meiner jetzigen Situation als Assistenzarzt hatten wir im PJ eine echt lockere Zeit. Klar, man musste pünktlich kommen, aber wir durften auch pünktlich gehen.

Es gab einen festen Studientag, den Freitag. Wir PJler konnten Aufnahmen machen, Blut abnehmen, bei den Visiten mitlaufen, Verbände wechseln, Briefe schreiben und im OP die Haken halten. Im OP wurde man ausgenutzt, ganz klar. Andererseits habe ich beim Zusehen auch viel gelernt. Und ich durfte auch mal nähen!

Einmal in der Woche gab es ein Gespräch mit dem Vorgesetzten. Nach meiner Erfahrung kam immer dann etwas von ihm zurück, wenn man mit Engagement auf ihn zuging. Die Vorgesetzten haben einem dann auch mal Sachen erklärt.

Allerdings, das muss ich sagen, das Ganze hatte auch seine Grenzen. Die Hälfte der Arbeit geht in die Beziehungspflege zum Oberarzt. So kann der Kontakt zu den Vorgesetzten ganz gut oder katastrophal laufen. Daran hängt es dann, ob man etwas mitnimmt aus dem PJ oder nicht.

In der Chirurgie und der Orthopädie lief es für mich in dieser Hinsicht ganz gut. In der Inneren dagegen war es zäh. Da wurde auch viel rumgesessen. Zwischendurch holte man irgendwelche Kopien aus dem Kopierer und ließ sie vom Arzt abzeichnen, das war's dann. Was soll das?

"Keine Zeit und keinen Bock"

Ich wollte dann unbedingt etwas lernen. Aber die noch jungen Ärzte auf den Stationen waren total überfordert und im Stress. Sie mussten ständig dem Oberarzt und dem Zeitplan hinterherlaufen. Da blieb für uns keine Zeit. Die Ausbildung auf der Inneren war mau.

Auch die Unterrichtstage waren nicht so doll. Da sagten die Assis, die uns eigentlich unterrichten sollten: "Ich hab keine Zeit, ihr habt keinen Bock — und tschüss." Zuerst war ich froh, gehen zu können. Aber dann habe ich auch gemerkt: "So habe ich mir das Lernen nicht vorgestellt."

Einige haben sich echt veräppelt gefühlt, aber zu einer Beschwerde hat es nicht gereicht. In der Klinik, in der ich jetzt arbeite, ist es ehrlich gesagt auch nicht besser: Das sitzt der PJler beim Assi in der Sprechstunde, was ja eigentlich auch sinnlos ist. Ich finde, da bräuchten wir klare Qualitätsstandards, die dann auch eingehalten werden.

Pflicht führt nur zur Anti-Haltung

Ein Pflichttertial in der Hausarztpraxis halte ich für ein zweischneidiges Schwert. Ich erinnere mich an mein Blockpraktikum in der Hausarztpraxis. Da hatte ich eine alte, erfahrene Ärztin als Mentorin. Sie hat mir die leichten Fälle rausgesucht und mich mit den Patienten in ein Zimmer gesetzt.

Ich hab dann untersucht und zusammen mit der Ärztin haben wir entschieden, was zu tun ist. Das war toll. Das war das erste Mal, das ich mich als Arzt fühlte. Die Allgemeinmedizin fände ich wirklich sinnvoll im PJ. Wenn sie aber Pflicht würde, dann würde das eine Anti-Haltung auslösen. (Aufzeichnung: cben)

* möchte seinen Namen nicht nennen

Lesen Sie dazu auch: Junge Ärzte: Als Billiglöhner durchs PJ

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