Leitartikel

Hausarzt als Lotse: griffige Vokabel verdeckt Komplexität

Es hat sich in gesundheitspolitischen Debatten eingebürgert, Hausärzte als Lotsen zu loben. Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin wird verdeutlichen, dass der Job der Hausärzte viel komplexer ist.

Von Florian Staeck Veröffentlicht: 09.09.2013, 12:33 Uhr
Hausarzt als Lotse: griffige Vokabel verdeckt Komplexität

Teamarbeit in der Praxis.

© Robert Geschka / fotolia.com

Wenn die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ab Donnerstag zum Jahreskongress nach München lädt, erwarten die Teilnehmer Beiträge zu einem klug gewählten Leitthema: "Komplexität in der Allgemeinmedizin - Herausforderungen und Chancen". Klug deshalb, weil es Schnittstellen zu mehreren aktuell debattierten Schwerpunktthemen in der Allgemeinmedizin aufweist:

Aus-, Fort- und Weiterbildung: Komplexe Aufgaben in der Allgemeinmedizin verlangen Ärzte, die in ihrer Aus-, Fort- und Weiterbildung gelernt haben, mit diesen Herausforderungen umzugehen.

Hausarztpraxis als Teampraxis: Der Kongress adressiert zentrale Fragen des hausärztlichen Versorgungsmanagements. Denn eine Antwort auf immer häufiger multimorbide oder chronisch kranke Patienten besteht darin, in hausärztlichen Teams und/oder mit Angehörigen anderer Berufsgruppen zusammenzuarbeiten.

Hausarztpraxis als Glied der Versorgungskette: Hausärzte können ihre Versorgungsaufgaben nur in dem Maße wahrnehmen, wie politische Vorgaben oder Honorarsysteme dies fördern.

Etabliert hat sich in gesundheitspolitischen Debatten das Bild vom Hausarzt als "Lotsen": Ganz so, als bestünde seine Aufgabe nur darin, den Patienten an die Hand zu nehmen und ihn beim kompetenten Facharzt abzuliefern. Hier wird die wachsende Komplexität der Beratungsanlässe in der Hausarztpraxis im putzigen Begriff des Lotsen verniedlicht.

Überweisung ist die Ausnahme

Tatsächlich stellen Hausärzte für die Patienten die erste Anlaufstelle dar, bei der laut DEGAM rund 90 Prozent der Beratungsanlässe auch abschließend geklärt werden. Lediglich in rund einem Zehntel der Fälle ist die Überweisung der Patienten nötig. Hier allerdings nehmen Hausärzte dann eine zentrale Rolle in der Koordination der Gesamtversorgung ein.

Und dieser Überblick über die Gesamtversorgung eines Patienten ist das Antidot zur fortschreitenden Subspezialisierung in der Medizin. Allen politischen Interventionen zum Trotz hat im deutschen Gesundheitswesen die Fragmentierung immer weiter zugenommen. Auf ärztlicher Seite ist der Trend zu speziellen Curricula und neuen Zusatzbezeichnungen ungebrochen. Gerade bei versorgungspolitisch wichtigen Themen - genannt seien beispielhaft Palliativmedizin, geriatrische Basisversorgung oder Schmerztherapie - sind damit Kernkompetenzen der hausärztlichen Versorgung angesprochen.

Werden diese Kernkompetenzen in neue Subspezialitäten ausgelagert, steht damit auch das umfassende Betreuungskonzept der Allgemeinmedizin auf dem Spiel. Lesen Sie exklusiv in der App, welche Hürden es für Allgemeinmediziner gibt und wie diese beseitigt werden könnten...

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