30 Jahre Mauerfall

„Ich sollte meine Kollegen aushorchen“

Als die Stasi in seiner Praxis aufkreuzte, sagte der spätere sächsische Kammerchef Professor Jan Schulze Nein. Bei der Neugestaltung des Gesundheitswesens ab 1990 wirkte er aktiv mit.

Von Sven Eichstädt Veröffentlicht: 21.11.2019, 15:21 Uhr
„Ich sollte meine Kollegen aushorchen“

Professor Jan Schulze

© Juliane Mostertz / Sächsische Landesärztekammer

Das Wartezimmer mit Diabetikern in der Medizinischen Akademie Dresden vor der Tür von Dr. Jan Schulze ist voll. Der Facharzt für Innere Medizin hat sich auf Stoffwechselkrankheiten spezialisiert und sieht, dass eigentlich eine Frau als nächste Patientin an der Reihe ist. Dennoch drängelt sich ein Mann vor und meint auf Nachfrage von Schulze, dass er dran sei.

Er zeigt seine Klappkarte, die ihn als Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit ausweist. „Ich sollte meine Kollegen aushorchen, weil viele von ihnen in die Bundesrepublik ausgereist waren“, erinnert sich der inzwischen 77 Jahre alte Mediziner. „Doch das habe ich radikal abgelehnt.“

Die Stasi scheiterte an Schulze

Der Geheimpolizist kündigt an, eine Woche darauf wiederzukommen, was er auch tat. Doch Schulze blieb bei seinem Nein und hatte erst einmal Ruhe vor der Staatssicherheit. „Als ich nach der Wiedervereinigung in meine Stasi-Akte schaute, las ich dort: „Erst nach energischem Widerstand des Herrn Dr. Schulze haben wir unsere Bemühungen aufgegeben.“

Schulze kam im November 1942 in Davos in der Schweiz zur Welt, sein Vater arbeitete dort in einem Sanatorium für Tuberkulosekranke. Als der Vater selbst an Tuberkulose erkrankte und 1944 starb, konnte die Familie – Schulzes Mutter hatte drei Kinder – nicht in Davos bleiben und musste mitten im Zweiten Weltkrieg nach Dresden ziehen.

„Ich habe die Bombennächte im Februar 1945 in Dresden miterlebt und hatte großes Glück, dass ich es als kleiner Junge überlebte“, erinnert er sich. Bei mehreren Bombenangriffen alliierter Flugzeuge wurden damals große Teile der Dresdner Altstadt zerstört. „Ich habe noch gespürt, wie es ist, Hunger zu haben.“

Von 1962 bis 1965 studierte er in Berlin an der Charité Medizin und setzte das Studium in Dresden fort, worauf 1968 die Approbation und 1969 die Promotion folgte. Seit 1968 arbeitete er an der Medizinischen Akademie Dresden, wo er 1973 die Anerkennung als Facharzt für Innere Medizin erhielt.

„Wir mussten damals im Gesundheitswesen Prioritäten setzen und genaue Indikationen für spezielle Untersuchungen festlegen“, sagt Schulze. Als Beispiele führt er spezifische Antibiotikatherapien sowie CT-Untersuchungen an. „Wir hatten im ganzen Bezirk Dresden nur einen einzigen Computertomografen, der stand bei uns in der Medizinischen Akademie und lief rund um die Uhr.“ Normales Röntgen war zwar auch woanders möglich, doch Schichtaufnahmen etwa bei Verdacht auf einen Tumor mussten bei der radiologischen Klinik beantragt und gut begründet werden.

„Umso wichtiger waren unsere regelmäßigen Untersuchungsmethoden“, sagt Schulze. „Wir haben uns jeden Patienten genau angesehen, seine Lunge abgehört, seinen Bauch abgeklopft, uns mit ihm unterhalten, damit wir zu einer genauen Diagnose kommen konnten. Das habe ich auch meinen Studenten so beigebracht.“

Kein SED-Mitglied – keine Professur

Nach der Deutschen Einheit bescheinigten ihm Kollegen aus Heidelberg, als er als Professor an die TU Dresden berufen wurde, „dass wir mit den Methoden und Möglichkeiten, die wir hatten, versucht haben, das Optimum zu erreichen“. 1992 wurde Schulze außerplanmäßiger Professor, ab 1994 bekleidete er die Professur mit den Schwerpunkten Endokrinologie und klinische Stoffwechselkrankheiten. „Da ich nicht Mitglied der SED war, überließ man mir in der DDR keine Professur, obwohl ich 1985 habilitiert worden war“, erinnert sich Schulze. „Ich blieb Facharzt und Dozent.“

Den Herbst 1989 erlebte er in Dresden: „Die DDR war an ihrem Ende angekommen, Dresden war auch ein Sammelpunkt für viele Oppositionelle, die bei ihren Demonstrationen auch Gewalttätigkeiten durch die Volkspolizei erleiden mussten.“ Für Schulze begann die große Herausforderung, daran entscheidend mitzuwirken, wie das Gesundheitssystem in den damaligen Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig, die im Oktober 1990 im Freistaat Sachsen aufgingen, aus einer zentralen Steuerung und Verwaltung in ein System der Selbstverwaltung umgestaltet werden kann.

„Die Forderung nach tiefgreifenden Reformen im Gesundheitswesen hatte damals auch starke Kritik am bisher zentralistischen Gesundheitssystem zum Inhalt.“ Im März 1990 gehörte Schulze zu den Gründungsmitgliedern des Unabhängigen Verbands der Ärzte und Zahnärzte Sachsens. „Der Verband sah schon damals seine Hauptaufgabe in der Gründung einer Landesärztekammer und war die Keimzelle einer solchen Kammer.“ In Leipzig gründeten sich Landesverbände des Marburger Bunds und des Hartmannbunds.

Im Mai 1990 kam es schließlich in Dresden zur Gründung der Sächsischen Landesärztekammer. „In der Vorbereitung war es sehr schwierig, die Adressen der Ärzte in Sachsen zu ermitteln, aber es gelang uns“, sagt Schulze. „Jeder Mediziner benötigte die Unterschriften von 30 Kollegen, um Mitglied in der Ärztekammer werden zu können.“

Schon 1990 wurde Schulze in den Kammervorstand gewählt, von 1999 an war er 16 Jahre lang ihr Präsident und ist seit 2015 Ehrenpräsident. „Die Deutsche Einheit war ein historischer Glücksfall und ist auch nach fast 30 Jahren eine beeindruckende Erfolgsgeschichte – auch im Gesundheitswesen.“

Professor Jan Schulze

  • Jahrgang 1942, war von 1991 bis 1994 stellvertretender Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Dresden
  • Präsident der Sächsischen Landesärztekammer von 1999 bis 2015

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