Stillen nach Schwangerschaft
Neue S3-Leitlinie: Erstmals nationale Empfehlungen zur Stilldauer
Stillen gilt als gesundheitsfördernd für Mutter und Kind, doch evidenzbasierte Empfehlungen zur Stilldauer fehlten bislang in Deutschland. Eine neue S3-Leitlinie bietet erstmals eine fundierte Grundlage für die Stillberatung.
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Eine Gesamtstilldauer von mindestens zwölf Monaten hat zahlreiche positive Auswirkungen sowohl für die Mutter als auch für das Kind.
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Die Bereitschaft zu stillen ist hierzulande groß, ebenso der Bedarf an Beratung rund um das Thema Stillen. Laut den Ergebnissen der KiGGS-Welle-2-Erhebung zum Stillverhalten in Deutschland möchten rund 90 Prozent der Frauen ihr Kind stillen. Tatsächlich stillen knapp 70 Prozent der Mütter zunächst ausschließlich, am Ende des sechsten Monats sind es noch 13 Prozent.
Gleichzeitig wird die Debatte ums Stillen zum Teil sehr emotional geführt und kann Frauen unter Druck setzen. Daher sind sachliche Argumente auf Basis der verfügbaren Evidenz entscheidend für eine adäquate Aufklärung und Beratung.
„Die bisherigen Empfehlungen waren fachliche Einschätzungen, während die jetzige Leitlinie auf systematisch erhobener Literatur und einer strukturierten Bewertung der einbezogenen Literatur beruht und auch ein formales, großes und definiertes Konsensverfahren zugrunde legt“, erläuterte Professorin Regina Ensenauer, Kinderernährungsmedizinerin, Professorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und koordinierende Autorin der Leitlinie, in einer Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung der ersten S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“.
Zwei klare Empfehlungen für reifgeborene, gesunde Kinder
Das Ergebnis dieser umfangreichen Recherchen sind zwei klare Empfehlungen, die ausschließlich für reifgeborene und gesunde Kinder gelten:
- Reifgeborene Kinder sollten bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend gestillt werden (Empfehlungsgrad B, starker Konsens von 92 Prozent).
- Die Gesamtstilldauer für reifgeborene Kinder soll mindestens zwölf Monate betragen (Empfehlungsgrad A, Konsens von 88 Prozent).
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Begriffsklärung: ausschließliches, überwiegendes Stillen, Voll- und Teilstillen
Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden folgende Begriffe unterschieden:
- ausschließliches Stillen: alleinige Ernährung durch Muttermilch ohne zusätzliche Gabe von Flüssigkeiten, Flaschennahrung oder Beikost
- überwiegendes Stillen: zusätzlich Verabreichung von Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee
- Vollstillen: zusammenfassende Bezeichnung für ausschließliches und überwiegendes Stillen
- Teilstillen: Gabe zusätzlicher nahrhafter Flüssigkeiten wie Muttermilchersatzprodukte und Beikost
Zahlreiche gesundheitliche Outcomes von Mutter und Kind berücksichtigt
Die Empfehlungen beruhen auf 49 evidenzbasierten Statements zu den gesundheitlichen Effekten der Stilldauer bei Mutter und Kind. Untersucht wurden die jeweiligen Outcomes,
- wenn sechs Monate ausschließlich oder überwiegend gestillt wird im Vergleich zu einer kürzeren Stilldauer beziehungsweise Nicht-Stillen,
- wenn mindestens zwölf Monate gestillt wird (Gesamtstilldauer, unabhängig von der Stillintensität) im Vergleich zu einer kürzeren Gesamtstilldauer beziehungsweise Nicht-Stillen.
Die Outcomes umfassen unter anderem kindliche Infektionen, atopische Erkrankungen sowie Verhaltens- und Entwicklungsstörungen bei Kindern. Mütterlicherseits wurden postpartale Gewichtsretention, metabolische Effekte, Osteoporose, Depression und Krebserkrankungen analysiert. Damit wurde erstmals nicht nur ein Teilaspekt, sondern eine Vielzahl an gesundheitlichen Endpunkten berücksichtigt.
Welche weiteren Vorteile bietet das Stillen?
In der Leitlinie wird auch auf andere positive Effekte des Stillens jenseits der gesundheitlichen Auswirkungen für Mutter und Kind verwiesen, die für die Beratung relevant sein können:
- Stillen hat ökologische Vorteile im Vergleich zur Formulanahrung, wie eine geringere Umweltbelastung und Müllvermeidung.
- Stillen hat eine positive ökonomische Bilanz, da Muttermilch kostenfrei verfügbar ist.
- Stillen fördert die gesundheitliche Chancengleichheit, da es allen Säuglingen unabhängig vom Einkommen der Eltern kostenfrei zugänglich ist.
„Für uns Frauenärztinnen und -ärzten ist einer der wichtigsten Punkte gewesen, welchen Effekt wir auf das Brustkrebsrisiko sehen“, so Professor Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof, und Mitautor der Leitlinie. „Studien haben eine Risikoreduktion von fast 25 Prozent gezeigt, wenn Frauen zwei Jahre in ihrem Leben gestillt haben. Also hat das Stillen einen massiven Einfluss, gerade wenn es über insgesamt zwei Jahre geht.“
Warum sind die Leitlinienautoren dann nicht der WHO-Empfehlung zur optimalen Stilldauer gefolgt, wonach das Stillen auch nach Einführung von Beikost bis zu zwei Jahre oder darüber hinaus fortgesetzt werden soll?
Zwölfmonatige Stilldauer als Orientierung
Professorin Susanne Grylka, die als Professorin für Hebammenwissenschaft am Departement Gesundheit, Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die dritte federführende Fachgesellschaft hinter der neuen Leitlinie vertritt, verwies auf die mangelnde Verfügbarkeit entsprechender Daten. „Studien bis 25 Monate hätte man vermutlich einfach zu wenige gefunden, um daraus eine verlässliche Empfehlung ableiten zu können.“ Zugleich betonte sie: „Die zwölf Monate schließen die 24 nicht aus, sondern definieren eine Art Minimum, das ruhig überschritten werden darf.“
Umgekehrt bedeutet eine kürzere Stilldauer nicht unbedingt einen reellen Nachteil. Ensenauer verwies auf weitere Faktoren wie die Einführung der Beikost, die Familienkost oder auch das Verhalten der Familie gegenüber dem Kind, die für die Entwicklung ebenso entscheidend seien. „Das Stillen setzt die Grundlage, auf die dann weitere Faktoren auftreffen, ist aber nicht der einzige Faktor, der ein späteres Outcome bestimmen kann“, weiß die Pädiaterin.
Die Empfehlungen zur Stilldauer sind der erste Teil einer umfassenden neuen S3-Leitlinie zum Thema Stillen. Der zweite Teil wird sich mit Interventionen zur Stillförderung befassen und separat publiziert werden.
„Das heißt, der erste Teil zur Stilldauer ist die Basis für das, was wir eigentlich wollen: wissen, wie wir beraten können, um dem Wunsch der Frauen zu entsprechen, die zu 90 Prozent sagen, sie möchten stillen“, so Ensenauer.












