Polypharmazie

Jedem zweiten Senior geht seine Arznei an die Nieren

Die Politik müsse Rahmenbedingungen für regelhafte Medikationsanalysen in der Apotheke setzen, lautet das Plädoyer bei einem Symposium der Bundesapothekerkammer.

Angela MisslbeckVon Angela Misslbeck Veröffentlicht:
Zuviel des Guten? Die Arzneimittelversorgung älterer Menschen erfordert besondere Beachtung.

Zuviel des Guten? Die Arzneimittelversorgung älterer Menschen erfordert besondere Beachtung.

© picture alliance / imageBROKER

BERLIN. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) sind vor allem bei älteren Menschen ein häufiges Problem. Die Folgen für die Betroffenen und das Gesundheitswesen sind nicht zu unterschätzen. Zehn bis 20 Prozent der geriatrischen Krankenhauspatienten werden nach Angaben von Professor Petra Thürmann, Ärztin für klinische Pharmakologie vom Uniklinikum Wuppertal, wegen UAW aufgenommen.

Thürmann appellierte an die Ärzte in Kliniken und Praxen, bei Verordnungen für ältere Patienten immer an die reduzierte Nierenfunktion zu denken. „Das geht im Alltag rasch unter“, sagte Thürmann bei einem Symposium der Bundesapothekerkammer zur Arzneimittelversorgung für die Generation 70Plus.

Eine Studie habe gezeigt, dass jeder zweite Heimbewohner eine Medikation erhält, die nicht an die Nierenfunktion angepasst sei. Ärzte sollten daher bei ihren Verordnungen an ältere Patienten die Priscus-Liste beachten, um die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) zu erhöhen, riet Thürmann.

Verordnete und eigene Arznei

Doch Thürmann zufolge nehmen gerade Menschen, die fünf oder mehr Arzneimittel regelmäßig verordnet bekommen, oft noch selbst erworbene Medikamente zusätzlich ein. Die Ärztin plädierte daher für einen engen Austausch zwischen Ärzten und Apothekern.

In Pflegeheimen habe der Einsatz von AMTS-Teams positive Effekte. Interaktionen, Doppelverordnungen, potenziell inadäquate Medikation, Falschdosierungen oder unangemessene Einnahmeschemata könnten Apotheker erkennen.

Großes Potenzial dafür bieten systematische Medikationsanalysen. Darauf wies der Pharmazeut Professor Ulrich Jaehde von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn hin. „Medikationsanalysen in der Apotheke können die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen, und damit kann die Arzneimittelversorgung verbessert werden“, so Jaehde.

Er verwies auf zwei Studien, die die Wirkung der Medikamenten-Checks belegen. In einer Studie mit Pflegeheimpatienten konnte bereits eine einfache Medikationsanalyse anhand von Medikationsdaten 1,6 arzneimittelbezogene Probleme pro Patient aufdecken.

Apotheke als letzte Kontrollinstanz

Befragen die geschulten Apotheker zusätzlich noch die Patienten, dann können sie einer weiteren, neueren Studie zufolge sogar 6,6 arzneimittelbezogene Probleme pro Patient aufdecken. Nicht nur Kontraindikationen, ungeeignete Einnahmezeiten oder falsche Therapiedauer wurden so aufgedeckt, sondern auch Nebenwirkungen, Anwendungsprobleme und Non-Adhärenz.

„Die Apotheke ist die letzte Instanz, bevor das Arzneimittel den Patienten erreicht“, sagte Jaehde. Die Politik müsse die Rahmenbedingungen für regelhafte Medikationsanalysen in der Apotheke setzen, forderte er.

Auch der Präsident der Bundesapothekerkammer, Dr. Andreas Kiefer, will, dass Medikationsanalysen aus dem Projektstatus in die Regelversorgung übergehen. „Die Zeit der Modellprojekte ist vorbei“, sagte Kiefer unter Verweis auf langjährige Projekte wie „Armin“ oder „Athina“.

Die Ergebnisse seien bekannt. „Es muss jetzt dazu kommen, dass das in die Fläche getragen wird“, so Kiefer. „Die Generation 70Plus ist keine Randgruppe“, so der BAK-Präsident weiter.

Er sprach sich dafür aus, dass Apotheker regelhaft in Versorgungskonzepte eingebunden werden.

Neue Dienste der Regelversorgung

Dazu wollen die Apotheker neue Dienstleistungen als Regelversorgung anbieten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat dafür bereits im Dezember eine Finanzierung von etwa 240 Millionen Euro in Aussicht gestellt.

Vorschläge dafür, welche neuen Dienstleistungen Apotheken in diesem Rahmen außer den Medikationsanalysen übernehmen könnten, erarbeitet die Bundesapothekerkammer gerade. Vorstellbar ist laut Kiefer unter anderem, dass Apotheken im Rahmen von Pflegekonzepten Arzneimittel nach Hause liefern, das Management bei Medikamentenrückrufen übernehmen oder Fertigarzneien in die gebrauchsfertige Form überführen.

 „Studien zeigen, dass dabei viele Fehler passieren“, so Kiefer. Er ist überzeugt, dass ein erweitertes Aufgabenspektrum der Apotheker der richtige Weg in der Arzneimittelversorgungspolitik ist.

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