Risikostrukturausgleich

Kassen wollen Verschlankung

Eine Allianz von Kassen kämpft um Änderungen am Risikostrukturausgleich. Für die AOKen ist das bloß Aktionismus.

Veröffentlicht:

BERLIN. Änderungen am morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) haben Vertreter von Krankenkassen am Donnerstag in Berlin gefordert. In einem ersten Schritt sollten die zusätzlichen Zuweisungen für erwerbsgeminderte Rentner entfallen.

Darüber wolle man in den kommenden Wochen mit dem Gesundheitsministerium und dem Bundesversicherungsamt verhandeln, kündigte Peter Kaetsch, Vorstandsvorsitzender der BIG direkt gesund an. In den kommenden drei Jahren sollte zudem ein Regionalfaktor in den Ausgleich eingezogen und ein Hochrisikopool gebildet werden, sagte Barmer-Chef Dr. Christoph Straub.

Hinter den Forderungen stehen zwölf Krankenkassen, die elf Millionen Versicherte vertreten. Der Bundesverband der nicht in dieser Allianz vertretenen Ortskrankenkassen hat die Aktivitäten als Aktionismus bewertet. Sinnvoller sei eine Gesamtevaluation des Morbi-RSA durch den wissenschaftlichen Beirat des Bundesversicherungsamtes, hieß es dazu am Donnerstag aus dem AOK-Lager.

 Das AOK-System gilt als Nutznießer der gegenwärtigen RSA-Systematik. Die Ortskrankenkassen erreichen ausweislich eines Gutachtens des Berliner IGES-Instituts damit eine Deckungsquote von 101,12 Prozent. Die Ersatzkassen kommen auf 99,25, die Betriebskrankenkassen auf 99,47 und die Innungskrankenkassen auf 98,79 Prozent.

Der Wegfall von Zuweisungen für die Erwerbsminderungsrenten würde alle Kassenarten näher an die 100 Prozent heranrücken lassen, betonen die Autoren des Gutachtens IGES-Geschäftsführer Dr. Karsten Neumann und Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Uni Bremen.

In Euro und Cent würden sich die Veränderungen in niedrigen dreistelligen Millionenbeträgen niederschlagen. Die Herausnahme der Renten stärke die Morbiditätsorientierung und führe zu Verwaltungsverschlankung, so die Experten. Die erhöhten Versorgungskosten für die Erwerbsminderungsrentner würden beim Ausgleich weiter berücksichtigt, weil deren Krankheitskosten ohnehin über den Morbi-RSA ausgeglichen würden. Für eine stärkere Konzentration des Ausgleichs auf das Krankheitsgeschehen müssten auch die Zuweisungen aus den DMP als weiterer Surrogatparameter entfallen.

 Dies hätte allerdings deutlich geringere Auswirkungen als der Verzicht auf die Zuweisungen aus den Erwerbsminderungsrenten. Die RSA-Allianz, das IGES-Institut und Glaeske planen weitere Veröffentlichungen im Rahmen des Projekts RSA-Begleitforschung Das Bundesversicherungsamt hat in dieser Woche die Liste der 80 Krankheitsgruppen aktualisiert, die zum Risikostrukturausgleich herangezogen werden. Die Gruppen stehen laut BVA für rund 3800 der insgesamt rund 15.000 ICD-Verschlüsselungen.

Dabei hat das BVA Vorschläge der RSA-Allianz und des IGES-Instituts nicht berücksichtigt. Das IGES-Institut und Professor Gerd Glaeske hatten im Januar dafür plädiert, eine Berechnungsmethode einzuführen, die zu einer neuen Mischung von seltenen und häufig vorkommenden teuren Krankheiten führen würde. Zudem stelle diese logarithmische Gewichtung weniger auf Krankheiten ab, die durch ambulante Diagnosen abgebildet würden.

Damit lasse sich das System manipulationsresistenter machen.Kaetsch wirft dem Amt vor, bei der Festlegung die Empfehlungen des IGES-Instituts im Auftrag von mehreren Krankenkassen nicht berücksichtigt zu haben. "Eine Chance wurde vertan, den Morbi-RSA fairer zu gestalten", kritisiert Kaetsch. Das sieht auch der Chef der SBK Siemens-Betriebskrankenkasse Dr. Hans Unterhuber so.

Der Finanzausgleich brauche eine höhere Verteilungsgerechtigkeit. Das würde für einen fairen Kassenwettbewerb sorgen, sagt er. Davon profitierten am Ende die Kunden.Unterhuber fordert eine offene Diskussion über die Zusammensetzung der Krankheitsliste mit Nachdruck. "Ziel mss eine gute Mischung aus seltenen teuren und häufig vorkommenden chronischen Krankheiten sein, die die Manipulationsresistenz des Morbi-RSA stärkt und die vorhandenen Mittel gerechter verteilt", sagt er. (af/iss)

Mehr zum Thema

Kassenfinanzen

Kassen bunkern noch 13,6 Milliarden Euro

Arzthonorar 2019

Statistisches Praxis-Einkommen liegt bei 600.000 Euro

Schlagworte
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Die Coronakrise hat den Pflegekräften an der Charité zugesetzt. Um sie zu unterstützen, gehören inzwischen zehn Psychologen zum Team. Sorgen können dadurch unkompliziert in den Pausen angesprochen werden.

© Alexander Raths / stock.adobe.com

Supervision an der Kaffeetasse

Wie die Charité ihren COVID-Kräften Beistand leistet