Überlegungen in Großbritannien

Klinikpatienten in Privathaushalte auslagern

Weil es in Großbritannien an Klinikbetten mangelt, prüft das Gesundheitsministerium neue Wege. Etwa ein Airbnb-artiges Versorgungsmodell, bei dem operierte Krankenhauspatienten statt in den Kliniken in den privaten Haushalten untergebracht werden.

Veröffentlicht:
In Großbritannien gibt es Überlegungen, freie Betten in Privathaushalten für die Unterbringung von Krankenhauspatienten zu verwenden.

In Großbritannien gibt es Überlegungen, freie Betten in Privathaushalten für die Unterbringung von Krankenhauspatienten zu verwenden.

© Marco Richter / iStock / Thinkstock

LONDON. Im Londoner Gesundheitsministerium gibt es laut Informationen der "Ärzte Zeitung" offenbar Überlegungen, Krankenhauspatienten anstatt in den Kliniken in privaten Haushalten unterzubringen, um so dringend benötigte Betten frei zu bekommen. Das Airbnb-artige neue Versorgungsmodell ist allerdings heftig umstritten.

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums bestätigte, man "prüfe" derzeit, wie realistisch es sei, Klinikpatienten nach ihrer OP in privaten Haushalten unterzubringen.

Dafür verhandelt das Ministerium mit diversen Privatunternehmen, deren Aufgabe es sein soll, für Klinikpatienten die passenden Unterkünfte in privaten Haushalten zu finden.

Im Gespräch ist, privaten Vermietern "rund 50 Pfund pro Nacht" (umgerechnet knapp 60 Euro) zu bezahlen. Maximal soll es einem Vermieter möglich sein, "1000 Pfund monatlich" (1150 Euro) mit der Unterbringung von Klinikpatienten zu verdienen.

Durch die Obergrenze soll verhindert werden, dass kommerzielle Anbieter diesen Markt bedienen.

"bed blocking" verbreitet

Hintergrund der erstaunlichen Initiative: Im staatlichen britischen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) fehlen tausende Betten.

Diese Situation wird noch dadurch verschlimmert, dass tausende vorwiegend ältere NHS-Patienten, die eigentlich gesund genug wären, um aus der Klinik entlassen zu werden, nicht entlassen werden können, weil es an ambulanten Pflegeangeboten fehlt. Die Briten nennen das "bed blocking".

Immer neue Kürzungen der Sozialausgaben haben in weiten Teilen Großbritanniens dazu geführt, dass viele ältere Patienten zu Hause auf sich allein gestellt sind.

Oftmals sehen diese Patienten keinen anderen Ausweg, als in ein staatliches Krankenhaus zu gehen, weil die ambulante Pflege nicht funktioniert. Dort blockieren sie dann Betten, die dringend benötigt werden.

Kritik und Unverständnis

Britische Ärzteverbände reagierten geschockt und mit Unverständnis auf den jüngsten gesundheitspolitischen Vorstoß der Regierung May.

Nachdem ein erster Modellversuch mit 30 Patienten in der Grafschaft Essex rasch wieder eingestellt wurde, weil es landesweit Proteste gegen die Aktion gab, drängt das Londoner Gesundheitsministerium jetzt auf eine Fortsetzung.

Ärzte befürchten, dass kranke Patienten zu früh aus der Klinik entlassen werden, um Betten frei zu machen und dass diese Patienten dann ambulant nicht ausreichend versorgt werden. (ast)

Mehr zum Thema

Europäische Datenstrategie

Erstes EU-Gesetz zur Datenspende vor Verabschiedung

Anhörung vor dem Supreme Court

Recht auf Abtreibung in USA in Gefahr

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
AU-Bescheinigungen können vorerst bis Ende März auch weiter via Telefon-Kontakt ausgestellt werden.

© Stockfotos-MG / stock.adobe.com

Corona-Sonderregeln

GBA verlängert Tele-AU bis Ende März 2022

Hendrick Wüst, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (vorne von rechts), Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD), SPD-Kanzlerkandidat und Bundesminister der Finanzen, auf dem Weg zur Pressekonferenz, auf der sie die beschlossenen Maßnahmen vorstellten.

© John Macdougall/AFP-Pool/dpa

Einheitliche Standards beschlossen

Bund-Länder-Gipfel ebnet regionalen Corona-Lockdowns den Weg