Arzneimittel

Kritik am Arzneiverordnungsreport hält an

Der neue Arzneiverordnungsreport (AVR) ist noch nicht erschienen, da rechnen Wissenschaftler den Autoren schon Fehler vor. Für die Pharmaindustrie ist dies sogar ein Politikum.

Veröffentlicht: 11.09.2013, 07:11 Uhr
Kritik am Arzneiverordnungsreport hält an

Wie groß ist das Einsparpotenzial bei Arzneimitteln? Über die Methoden von Gutachten dazu wird gestritten.

© Patrick Pleul/dpa

BERLIN. Methodische Fehler haben die Professoren Dieter Cassel und Volker Ulrich den Autoren des Arzneiverordnungsreports 2012 (AVR) vorgeworfen.

Der auf Daten des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen (WIdO) aufbauende Report vernachlässige bei der Berechnung von Einsparpotenzialen systematisch die Verhältnisse auf dem Markt.

Cassel und Ulrich (Uni Bayreuth) kritisieren, dass im AVR gesetzliche Abschläge und Rabatte gar nicht oder nur unvollständig abgezogen werden. Zudem enthielten die Zahlen des AVR noch die Mehrwertsteuer.

Dadurch ergäben sich sowohl auf nationaler Ebene als auch bei Vergleichen mit den Arzneimittelkosten anderer Länder unrealistisch hohe Einsparpotenziale.

 Statt bei den Apothekenverkaufspreisen sei es richtiger, bei den Herstellerabgabepreisen ohne Mehrwertsteuer anzusetzen, mahnten Cassel und Ulrich bei einer Pressekonferenz des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) am Dienstag in Berlin an.

Dem AVR fehle ein Methodenteil, der seine Berechnungen für Dritte nachprüfbar mache.

2012 war der AVR auf ein Einsparpotenzial von rund 8,4 Milliarden Euro gekommen. Insgesamt hat die gesetzliche Krankenversicherung 2012 29,2 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben.

Mehr als 1000 Seiten

Der Arzneimittelreport 2013 soll am Donnerstag in Berlin vorgestellt werden. Auf mehr als 1000 Seiten legt das Werk alljährlich Trends in der Pharmakotherapie offen. Die Berechnungen zu den Einsparpotenzialen füllen davon nur etwa zehn Seiten.

Nicht nur die Methoden des AVR, Einsparpotenziale zu ermitteln, stehen in der Kritik. Die Autoren des AVR haben aus der Historie von pharmazeutischen Wirkstoffen Lebenszyklusverläufe dieser Wirkstoffe herauskristallisiert.

Darauf basiere der Bestandsmarktaufruf des Gemeinsamen Bundesausschuss, sagte Dr. Norbert Gerbsch, stellvertretender Geschäftsführer des BPI. Die Nutzenbewertung von bereits im Markt etablierten Wirkstoffen ist Teil des Arzneimittelmarkneuordnungsgesetzes (AMNOG).

"Solange die AVR-Berechnungen einer methodischen Kritik nicht standhalten, dürfen diese nicht zur Grundlage gesundheitspolitischer Entscheidungen und zur Grundlage elementarer Prozesse im Gesundheitswesen werden," sagte Gerbsch.

Der AVR sei keine unabhängige Publikation. Er sei intransparent, werde vom AOK-Bundesverband verfasst und dann von der GKV an den Schaltstellen des AMNOG gegen die Industrie verwendet. (af)

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

Was uns der Arzneimittelreport n i c h t sagt!

Was die Autoren des Arzneimittelreports im internationalen Länder- und Kostenvergleich grundsätzlich v e r s c h w e i g e n, ist das deutsche Alleinstellungsmerkmal, dass seit dem 1.1.2004 auf jede einzelne vertrags- oder privatärztlich verschriebene Medikamentenpackung (z. B. Rp.-Muster 16 in der GKV) in der Apotheke immer 8,10 € aufgeschlagen werden. 6,10 € behält davon derzeit der Apotheker, 2,00 € gehen als Kassenrabatt an die GKV-Krankenkassen. Der GKV-Patient zahlt als Zuzahlung mindestens 5 € bis maximal 10 € pro Medikament. Andere Länder kennen k e i n e zusätzlichen Apothekenentgelte, sondern nur Selbstbeteiligungen für Patienten. Dort sind die Apotheken prozentual nur an ihrem Umsatz beteiligt.

Gesetzgeberische Intention der damaligen Regelung war, Apotheken mit extrem hohen Umsätzen durch besonders teure Medikamente nicht noch mehr zu begünstigen und Apotheken mit niedrigen Umsätzen zur Erhaltung des Versorgungsauftrags zu fördern. Was die Bundesregierung damals sträflich übersehen bzw. unter dem Druck der Lobbyisten zugestanden hatte, war, dass die Masse der Billig-Preis-Generika, die vorher bis 8,10 € kosteten, sich dadurch im Preis mindestens v e r d o p p e l t e n. Auch die Privaten Krankenversicherer und ihre Versicherten haben diese teure Preis-"Kröte" geschluckt. Ein ganz wesentlicher Grund, weshalb die PKV-Versicherungsprämien seit Anfang 2004 exorbitant angestiegen sind.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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