Leitartikel

Migration drückt auf die Psyche

Menschen mit Migrationshintergrund leiden häufiger an psychischen Erkrankungen und sind mitunter stärker suizidgefährdet als Einheimische. Darauf ist das deutsche Gesundheitswesen immer noch nicht eingestellt.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:
Jeder Fünfte in Deutschland hat seine Wurzeln in anderen Ländern.

Jeder Fünfte in Deutschland hat seine Wurzeln in anderen Ländern.

© Franz Pfluegl / fotolia.com

Rund ein Fünftel der Menschen in Deutschland haben ihre Wurzeln in anderen Ländern. Viele von ihnen sind deutsche Staatsangehörige, deren Eltern aus der Türkei hierher gekommen sind.

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund ein erhöhtes Risiko für Depression, Psychosen und Suizidalität aufweisen.

Exakte Zahlen gibt es kaum. Denn die Statistiken erfassen meist nur die Staatsangehörigkeit und nicht die Herkunft.

Doch die wenigen vorliegenden Zahlen sind erschreckend: Eine fast doppelt so hohe Suizidrate wie bei jungen deutschen Frauen stellte eine Studie aus dem Jahr 2004 bei gleichaltrigen türkischen Frauen fest.

Basis war die Todesursachenstatistik der Jahre 1980 bis 1997. Auch eine Studie der Charité lieferte zu Beginn dieses Jahres Hinweise auf eine erhöhte Prävalenz psychischer Erkrankungen bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund.

Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland scheinen also mehr oder passendere Angebote der psychiatrischen Versorgung zu brauchen. Das ist zwar vielfach belegt aber wenig beachtet.

Sicher ist es nicht einfach und auch nicht kostenneutral, bedarfsgerechte Versorgungsangebote bereitzustellen. Aber ebenso sicher kann schon mit einfachen Mitteln viel erreicht werden.

Erfolgreiche Medienkampagne

Das zeigt unter anderem ein Kriseninterventionsprojekt der Charité. Unter dem Motto "Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben" startete im Juni 2010 eine Medienkampagne und eine telefonische Krisenhotline speziell für türkischstämmige Frauen mit Suizidgedanken.

In den neun Monaten ihres Bestehens nahm sie 178 Anrufe entgegen, und führte 149 Beratungen und Kriseninterventionen durch.

"Etwa ein Drittel der Anruferinnen waren beim Anruf suizidal", sagt Studienleiterin Privatdozentin Dr. Meryam Schouler-Ocak.

Sie hat im Rahmen der Kampagne einen deutlichen Rückgang der Suizidversuchsraten bei türkischen Frauen festgestellt. Dazu wurden die Suizidversuche in allen Berliner Rettungsstellen erfasst.

Eine weitere Erkenntnis aus dem Projekt: Nicht nur junge Frauen türkischer Abstammung haben schwerwiegende Probleme.

Es betrifft Migrantinnen aller Altersgruppen: Heiratsmigrantinnen ohne Sprachkenntnisse und Freunde oder Verwandte, Töchter aus Einwandererfamilien, die unter der Fremdbestimmung und Generationenkonflikten leiden, Frauen mittleren Alters, die an der Untreue ihres Mannes zerbrechen, ältere Frauen, die als Verliererinnen der Migration einsam und oft arm mit ihrem Schicksal hadern.

Dolmetscher werden in der ambulanten Versorgung nicht bezahlt

Auch wenn sie nicht alle an Suizid denken, sind die spezifischen Hilfeangebote in Deutschland rar gesät.

Essenziell nötig sind entweder muttersprachliche Versorgungsangebote oder Dolmetscher. Dolmetscher jedoch werden in der ambulanten Versorgung nicht bezahlt.

"Das ist ein großes Problem. Im stationären Setting können diese Kosten aus den Tagessätzen finanziert werden, da kriegt man das noch gerade so hin", sagt Schouler-Ocak.

Sie warnt davor, Angehörige als Übersetzer einzusetzen. Verbreitet ist die Einstellung: "Das regeln wir in der Familie." Daher sind Übersetzungen durch Angehörige nicht verlässlich.

Kommunikationsbarrieren sind jedoch nicht nur sprachlicher Art, sondern auch kulturell bedingt.

Weitere Hürden entstehen dadurch, dass viele Migranten nicht wissen, wohin sie sich wenden können, weil sie das deutsche Hilfe- und Gesundheitssystem nicht gut kennen.

Frauen mit Migrationshintergrund und psychischen Problemen haben zudem oft Angst, nicht ernstgenommen zu werden, Angst vor Gerede vor Stigmatisierung und Diskriminierung und Minderwertigkeitsgefühle.

Wenigstens einige dieser Hürden könnten mit einfachen, wenn auch nicht kostenlosen Schritten abgebaut werden. Um die Versorgung von Menschen nichtdeutscher Herkunft mit psychischen Problemen zu verbessern, sind Lotsen ins und im System ebenso nötig wie bezahlte Dolmetscher im ambulanten Bereich.

Mit diesen zwei Maßnahmenkomplexen wäre schon viel erreicht.

Arbeitsmarktpolitische Relevanz

Doch wer vertritt die Interessen der Betroffenen? Zwar wächst die Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund, die in Selbstverwaltung und Politik aktiv sind. Doch bislang sind sie noch nicht einflussreich genug, um sich wirkungsvoll für die spezifischen Bedarfslagen von Migranten und ihren Kindern einzusetzen.

Abwarten ist dennoch nicht angesagt. Denn die Politik hat gute Gründe, schnell aktiv zu werden. Auch wenn das Thema gesundheitspolitisch unterschätzt wird, so ist es arbeitmarktpolitisch immens wichtig.

Schließlich freut sich Deutschland derzeit über immer mehr Zuwanderer aus den südeuropäischen Krisenstaaten, weil damit dringend benötigte Fachkräfte kommen - nicht zuletzt für das Gesundheitswesen.

Deshalb sollten Menschen mit Migrationshintergrund auch als Patienten im Gesundheitssystem willkommen geheißen werden, damit sie ein gesundes Leben in Deutschland führen können.

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