Pflegeberuf

Ohne Solidarität keine Pflegekammer

Seit Jahren kämpft die Pflege für die Verkammerung des Berufs. Geändert hat sich bisher nichts. Beim 10. Gesundheitspflege-Kongress hat der Präsident des Deutschen Pflegerates die Pflegeberufe zu Solidarität aufgefordert.

Von Dirk SchnackDirk Schnack Veröffentlicht:
Pflegekräfte, -schüler und Verbandsfunktionäre lauschten insgesamt 65 Experten beim Gesundheitspflege-Kongress in Hamburg.

Pflegekräfte, -schüler und Verbandsfunktionäre lauschten insgesamt 65 Experten beim Gesundheitspflege-Kongress in Hamburg.

© Schnack

HAMBURG. Zehn Jahre Gesundheitspflege-Kongress von Springer Medizin - und (k)ein bisschen weiter?

In einer Podiumsdiskussion zu diesem Thema kürzlich in Hamburg waren sich die meisten Experten einig, dass es in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen Fortschritte gegeben hat.

So ist etwa Joachim Prölß, Pflegedirektor im Hamburger UKE, sicher, dass die Akademisierung in der Pflege nicht mehr aufzuhalten ist.

Eine Einschätzung, die so vor zehn Jahren nicht unbedingt zu erwarten war. Prölß gehört zu denjenigen, die die Pflege in den vergangenen Jahren "ordentlich weiter gekommen" sehen.

Deutlich wurde auf dem zweitägigen Kongress aber auch, dass sich in den vergangenen zehn Jahren längst nicht alle Erwartungen erfüllt haben - und dass man in manchen Punkten schlicht auf der Stelle tritt.

Westerfellhaus wirbt um Gründung einer Kammer

Gertrud Stöcker vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe etwa beschrieb, wie in Deutschland immer wieder versucht wird, einen "barrierefreien Zugang" in den Pflegeberuf zu öffnen und damit Bemühungen um eine hohe Qualifikation - wie sie in fast allen EU-Ländern selbstverständlich ist - konterkariert werden.

Ein anderes Beispiel ist die besonders von Funktionsträgern angemahnte Gründung der noch immer nicht etablierten Pflegekammer.

Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerates (DPR), wurde nicht müde, vor Politikern und seinen eigenen Kollegen für die Gründung einer Kammer zu werben.

Westerfellhaus weiß aber auch, dass eine solche Gründung getragen werden muss von einer repräsentativen Mehrheit seiner Kollegen.

"Wir müssen verstehen, dass tatsächliche Veränderungen unseres beruflichen Alltags nur aus der Berufsgruppe heraus und mit ihrer gesamten solidarischen Unterstützung möglich sind. Und wir müssen begreifen, dass der Wille zur Umsetzung aus uns heraus kommen muss", sagte der DPR-Präsident.

Lohmann dämpft Erwartungen

Für seinen Appell an die Einsicht und Solidarität erhielt Westerfellhaus zwar großen Applaus, praktische Hürden sind damit aber nicht aus dem Weg geräumt, wie einige Kongressbeiträge zeigten.

Ein Beispiel: Fordern Politiker wie Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) vor der Kammergründung ein repräsentatives Votum der Pflegenden, stellt dies die Verantwortlichen vor große Probleme.

Denn ohne die Kammer ist ein Überblick über die Meinungsbildung in der Berufsgruppe schwer zu erstellen - keine Institution erreicht alle in der heterogenen Gruppe der Pflegenden.

Erschwerend kommt hinzu, dass seriöse Stimmen den Mehrwert einer Kammer für die Pflegenden bezweifeln. Professor Heinz Lohmann etwa hält die großen Erwartungen, die manche Funktionsträger an eine Verkammerung knüpfen, für übertrieben.

"Ich habe die Sorge, dass hier viel Kraft in etwas gesteckt wird, das nur nach innen wirkt", sagte Lohmann. Er riet: "Machen Sie das, aber seien Sie anschließend nicht frustriert."

Selbst Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, warnte vor übertriebenen Erwartungen. "Wenn Sie darin einen Mehrwert sehen, machen Sie das. Aber ich glaube nicht, dass das weiterhilft", sagte Windhorst.

Er erinnerte daran, dass bei Ärzten die freien Verbände das "aggressive Durchsetzen von Interessen" übernehmen.

"Mächtiges Symbol für Selbstbestimmung"

Trotz der Skeptiker sind wichtige Experten aus der Pflegeszene davon überzeugt, dass eine Kammer ihrem Berufsstand helfen wird. Prölß etwa hält eine Kammer schon deshalb für sinnvoll, weil sie als "mächtiges Symbol für Selbstbestimmung steht", das auch politische Lobbyarbeit leisten könne.

Professor Uta Gaidys von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg könnte sich einen Verzicht auf eine eigene Kammer nur vorstellen, wenn andere Berufe wie Ärzte auch keine hätten.

Ihr zufolge können Pflegeberufe ihren Nutzen für Patienten besser entfalten und zeigen, wenn sie über eine eigene Kammer verfügen.

Aber sind die Pflegeberufe an der Basis in der Lage und gewillt, ihre Funktionsträger im gewünschten Ausmaß zu unterstützen? Westerfellhaus machte deutlich, dass er Engagement von seinen Kollegen erwartet und nur dann Aussicht auf eine Umsetzung der Verbandsforderungen besteht.

Sein Appell hatte zugleich einen unüberhörbaren drohenden Unterton an die Politik: "Klären wir die Menschen in dieser Gesellschaft darüber auf, was passiert, wenn professionelle Pflege nur an einem einzigen Tag in Deutschland fehlt."

Unterstützung dafür gab es durch Applaus und durch vereinzelte Wortmeldungen aus dem Publikum. "Wir sollten selbstbewusst in die Kommunikation mit anderen Berufen gehen und uns nicht selbst klein machen", lautete ein Ratschlag. "Wir können nichts von Institutionen erwarten, was wir selbst nicht erfüllen", ein anderer.

Fest steht: Der 10. Gesundheitspflege-Kongress hat sich auch in der zehnten Auflage, zu der 650 Teilnehmer und noch einmal genauso viele Schüler sowie 65 Referenten kamen, als ein wichtiger Treffpunkt für Experten und Basis für den Meinungsaustausch bewährt.

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