Krankenhaus-Barometer des DKI

Personalnot – DKG-Chef befürchtet „ernste Versorgungskrise“

Jedes dritte Krankenhaus musste bereits Intensivbetten sperren oder Fachbereiche von der Notfallversorgung abmelden, zeigen aktuelle Befragungsdaten des DKI. Der Grund: Personalmangel.

Von Hauke Gerlof Veröffentlicht: 27.12.2019, 11:33 Uhr
Personalnot – DKG-Chef befürchtet „ernste Versorgungskrise“

Dringend gesucht: Pflegekräfte, aber auch Ärzte fehlen in einigen Kliniken so sehr, dass Intensivbetten gesperrt werden müssen.

© Eigens / stock.adobe.com

Berlin. Die Personalnot in deutschen Kliniken wächst. Nach dem aktuellen Krankenhaus-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI), das der „Ärzte Zeitung“ vorliegt, haben inzwischen vier von fünf Krankenhäusern Probleme, offene Pflegestellen zu besetzen. Bundesweit seien 17.000 Pflegestellen auf Allgemeinstationen und Intensivstationen in Allgemeinkrankenhäusern ab 100 Betten unbesetzt.

In Allgemeinstationen habe sich die Zahl der offenen Stellen im Vergleich zu 2016 verdreifacht. 95 Prozent der Krankenhäuser ab 600 Betten hätten mittlerweile Besetzungsprobleme bei Pflegestellen. 2011 waren es noch 53 Prozent gewesen.

80 Prozent melden keine Verbesserung der Personalsituation

Das Ziel, durch Einführung der Pflegepersonaluntergrenzen, die Personalsituation auf den pflegeintensiven Stationen zu verbessern, ist der Umfrage zufolge nicht erreicht worden. Demnach hat sich in Krankenhäusern mit pflegesensitiven Allgemeinstationen aufgrund der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PpUGV) in knapp 20 Prozent der Häuser die Personalbesetzung in der Pflege ziemlich oder sehr verbessert und in gut 80 Prozent der Häuser gar nicht oder wenig. Auf Intensivstationen sieht es sogar noch ungünstiger aus.

Aufgrund dieser Personalprobleme haben bereits 37 Prozent der Kliniken Bettensperrungen in pflegesensitiven Intensivbereichen vorgenommen, sechs Prozent planen dies in Zukunft konkret. 29 Prozent der Krankenhäuser haben einzelne Klinikbereiche vorübergehend von der Notfallversorgung abgemeldet, drei Prozent planen dies konkret.

Umsetzungsprobleme bei den Personaluntergrenzen sind vor allem aufgrund kurzfristiger Personalausfälle zu verzeichnen. Auf einer Skala von 1 („trifft nicht zu“ bis 4 („trifft voll zu“) meldet das DKI einen Wert von 3,7.

Höherer Aufwand beim Controlling

Aber auch der gestiegene Organisations- und Controlling-Aufwand sowie der Dokumentationsaufwand bereitet vielen Krankenhäusern Probleme (3,6 und 3,3). Mit 3,0 auf derselben Skala bewerten viele Kliniken ebenfalls die fehlende Anrechenbarkeit von Service-Personal und MFA auf die Untergrenzen als ein Problem.

Die geänderten Regeln fordern vom Personal auch mehr Flexibilität als bisher: 68 Prozent der Krankenhäuser haben die Organisation insofern geändert, als jetzt eine tagesaktuelle Steuerung der Organisation des Pflegedienstes auf pflegesensitiven Stationen vorgenommen wird. 57 Prozent ändern die Dienstpläne auch kurzfristig. Auch der sogenannte Skillmix, die Verteilung von Hilfs- und Fachkräften, hat sich in vielen Kliniken verschoben. 34 Prozent setzen mehr Fachkräfte und weniger Hilfskräfte ein, 22 Prozent planen dies.

Steigende Fluktuation

Die Pflegepersonaluntergrenzen führen laut Krankenhaus-Barometer zudem zu Mehrkosten in Kliniken. Laut Umfrage haben bereits 43 Prozent der Kliniken Mehrkosten bei Neueinstellungen in pflegeintensiven Allgemeinstationen gemeldet, weitere 31 Prozent planen diese. 41 Prozent melden Mehrkosten durch die Beschäftigung von Leasing- oder Honorarkräften. Zudem beklagt mehr als jede dritte Klinik Mehrkosten durch die Neuanschaffung von Software, 14 Prozent haben zusätzliches Personal für den höheren Dokumentationsaufwand eingestellt.

Die Situation in der Pflege führt nicht zuletzt zu einer steigenden Fluktuation der Fachkräfte. Laut Umfrage hat sich die Fluktuation in fast 43 Prozent der Allgemeinstationen erhöht und in 36 Prozent der Intensivstationen. Nur in sieben Prozent sind die Quoten gesunken.

Probleme der Stellenbesetzung auch bei Ärzten

Bei den Ärzten sieht die Personalsituation nach dem Krankenhausbarometer nicht viel besser aus. 76 Prozent der fast 2000 Kliniken im Land hätten derzeit Probleme, Mediziner für vakante Posten zu finden. Im Vergleich zu 2011 hat sich die Situation demnach allerdings leicht entspannt, im Vergleich zu 2016 hat sich die Lage jedoch bereits wieder verschärft.

Das Krankenhaus-Barometer des DKI ist eine repräsentative Umfrage unter Krankenhäusern mit mehr als 100 Betten im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), des Verbands der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD) und des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK). An der Befragung im Frühjahr haben sich 268 repräsentativ ausgewählte Krankenhäuser beteiligt. Die Ergebnisse verdeutlichten, „welch ungeheurer Handlungsdruck besteht, um mehr Menschen für den Pflegeberuf zu begeistern“, sagte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, der dem „Tagesspiegel“ (Freitagausgabe). Die Politik müsse „dringend wirksame Gegenmaßnahmen zur Entlastung des Personals ergreifen, sonst steuern wir auf eine ernste Versorgungskrise hin“.

Marburger-Bund-Chefin Johna fordert bessere Arbeitsbedingungen

In Reaktion auf das Krankenhaus-Barometer übte auch der Marburger Bund Kritik an der Krankenhauspolitik: „Der Personalnotstand in den Krankenhäusern ist nicht vom Himmel gefallen. Er hat seine Ursache in einem politisch gewollten Kostenwettbewerb und einer ständig steigenden bürokratischen Überlast. Hier ist die Politik gefordert, endlich für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen“, forderte Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes.

Wer die Realität in den Kliniken erlebe, wisse schon längst, welche Folgen der Personalnotstand für die Beschäftigten und die Patienten habe. „Die Arbeitsbedingungen müssen sich dringend verbessern. Nur dann werden Pflegende und Ärzte für vakante Stellen gewonnen werden können und auch dauerhaft bleiben“, sagte Johna. Die Vakanzen in der Pflege seien auch Ausdruck von mangelnder Wertschätzung: „Der Pflegeberuf braucht mehr Anerkennung. Das muss sich auch in einer besseren Vergütung niederschlagen.“

(mit dpa-Material)

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