Berufspolitik

Qualität ist mehr als Wohlfühlen

Bei der Beurteilung von Qualität aus Patientensicht geht es nicht nur um weiche Wohlfühlfaktoren. Doch im Gemeinsamen Bundesausschuss ist dafür die Sensibilität noch unzureichend.

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GÖTTINGEN (fst). Patientenbefragungen können nach Ansicht der Patientenvertreterin im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) "deutlich" zu mehr Transparenz und Effektivität des Gesundheitswesens beitragen.

Dr. Ilona Köster-Steinemann beklagte bei einer vom AQUA-Institut ausgerichteten Konferenz zur sektorenübergreifenden Qualität im Gesundheitswesen, dass Regelungen zu Patientenbefragungen in der einschlägigen Richtlinie fehlen.

Sie forderte, bei der Qualitätssicherung sollten patientenrelevante Endpunkte hinsichtlich der gesundheitsbezogenen Lebensqualität im Vordergrund stehen. Bislang stehe die "Vermeidung von Negativem" bei der Qualitätssicherung im Fokus.

Köster-Steinemann wies häufig zu hörende Einwände zurück, die Patientenbefragungen erhöben nur "Wohlfühlfaktoren" und seien "nicht objektivierbar".

Sie erinnerte an Ergebnisse von Befragungen am Bremer Klinikum-Mitte, und zwar bevor dort massive Hygieneprobleme in der Neonatologie bekannt wurden, in deren Folge mehrere Frühchen gestorben sind: Die Weiterempfehlungsraten der Patienten lagen um acht Prozentpunkte unter dem Durchschnitt anderer Bremer Kliniken, so Köster-Steinemann.

Sie ist überzeugt, dass auch Hygienestandards zuverlässig durch Patientenbefragungen ermittelt werden könnten.

Soziale Realität ignoriert?

Im AQUA-Institut werden derzeit Fragenbögen für sieben Indikationen oder medizinische Interventionen entwickelt, darunter Kataraktoperationen, kolorektales Karzinom oder Hüft- und Knie-Endoprothesenversorgung.

Ein Fragebogen zur Erfassung von nosokomialen Infektionen ist in Vorbereitung, berichtete die AQUA-Mitarbeiterin Anja Klingenberg. Abgefragt werde zum einen die Prozessqualität, also Information und Aufklärung der Patienten oder die Hygiene.

Zwei bis sechs Wochen nach dem Eingriff sollten die Patienten befragt. Zum anderen werde die Ergebnisqualität ermittelt. Dies könne, je nach medizinischem Verfahren, bis zu zwölf Monate nach dem Eingriff geschehen.

Die bislang entwickelten Fragebögen für Katarakt-Op, Konisation, Perkutane Koronarintervention (PCI) und Koronarangiografie werden ab September 2012 getestet. Sie sollen durch die am Test teilnehmenden Krankenhäuser verschickt werden. Voraussichtlich 2014 soll dann der Regelbetrieb beginnen, hieß es.

Die Theorie der AQUA-Forscher und die Versorgungspraxis werden sich bei den geplanten Fragebögen noch annähern müssen, wurde bei der Tagung in Göttingen deutlich.

Ein niedergelassener Gynäkologe aus Bremen zeigte sich angesichts von Umfang und Komplexität der Erfassungsbögen fassungslos: "Sie ignorieren mit dem Fragebogen konsequent die soziale Realität."

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