Pilotprojekt mit Klinik gestartet

Traumatherapie im Frauenvollzug

Manche Menschen, die straffällig werden, waren vorher selber Opfer, weil sie seit Kindheit und Jugend Gewalt erlebten. Ein Pilotprojekt in Vechta macht weiblichen Gefängnisinsassen nun ein Angebot.

Von Elmar Stephan Veröffentlicht:
Ein Schild mit der Aufschrift „Justizvollzugsanstalt für Frauen“ an der JVA Vechta. In der JVA wurde die Vollzugsabteilung mit traumatherapeutischem Schwerpunkt offiziell eröffnet.

Ein Schild mit der Aufschrift „Justizvollzugsanstalt für Frauen“ an der JVA Vechta. In der JVA wurde die Vollzugsabteilung mit traumatherapeutischem Schwerpunkt offiziell eröffnet.

© Markus Hibbeler / picture alliance

Vechta. Die Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta bietet ihren Strafgefangenen die Möglichkeit zu einer Traumatherapie. „Ein solches Angebot ist in Deutschland einmalig“, sagte am Donnerstag Anstaltsleiter Oliver Weßels. Es richte sich an Frauen, bei denen es einen Zusammenhang zwischen ihrer Straffälligkeit und zuvor erlittenen Gewalterfahrungen gebe, erklärte der Direktor der Fachkliniken St. Marien und St. Vitus in Neuenkirchen-Vörden und Visbek, Thomas Heinz.

Die Fachkliniken sind Kooperationspartner des Frauengefängnisses. Das kürzlich gestartete Pilotprojekt läuft zunächst bis Ende des Jahres. Insgesamt gibt es derzeit fünf Therapieplätze. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) für Frauen hat an allen Standorten zusammen 300 Haftplätze.

Traumatherapie im Strafvollzug gab es bislang nicht

„Aus Sicht des Frauenvollzugs ist das neue Angebot ein Quantensprung“, sagte Weßels. Bislang habe es kein adäquates Angebot für Frauen im Strafvollzug gegeben, die eine traumatherapeutische Behandlung brauchen. In Vechta sei das Pilotprojekt geschaffen worden, weil es bereits Kontakte zwischen den Fachkliniken und der JVA gegeben habe.

„Projekte entstehen dadurch, dass es Beziehungen gibt zwischen Menschen.“ Der Staatssekretär im Landesjustizministerium, Frank-Thomas Hett, betonte: „Der Frauenvollzug ist immer noch etwas Besonderes, im Gegensatz zum Männervollzug.“

Im Hintergrund steht oft eigene Gewalterfahrung

Das Angebot richte sich nicht an alle Frauen, erläuterte Klinikchef Heinz. Denn nicht jede straffällig gewordene Frau sei auch traumatisiert. Es gebe aber solche, bei denen stehe bei ihren Straftaten eindeutig eine Gewalterfahrung, auch häufig Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, im Hintergrund. Diese seien oft Ursache für abweichendes Verhalten, das zu Straftaten oder zu Drogenkonsum führe.

Heinz berichtete von einer Patientin, die wegen mehrfacher Brandstiftung in Haft sei. Bei der therapeutischen Arbeit mit ihr habe sich gezeigt, dass sie bereits mehrfach Missbrauch und Vergewaltigungen erlebt habe. „Immer, wenn die Wut kommt, greift sie zur Brandstiftung.“

Oft hätten die betroffenen Frauen schon früh sexualisierte Gewalt erfahren oder seien auch von ihren Eltern vernachlässigt worden oder hätten Traumata in der Interaktion zwischen Mann und Frau erfahren. Andere seien von Jugendbanden in die Kriminalität eingeführt worden. „Das ist alles sehr, sehr komplex“, sagte Heinz.

Klinikleiter: Keine Wohlfühloase

„Es ist keine Wohlfühloase“, bemerkte der Klinikleiter mit Blick auf das Angebot. Die Patientinnen müssten in der Therapie hart an sich arbeiten. Diese biete die Chance, die tiefer liegenden Ursachen für die Straftaten zu finden und zu behandeln.

Die Auswahl der Frauen orientiere sich an den internationalen Kriterien für psychische Erkrankungen. Letztlich verbessere dieses Therapieangebot die Chancen auf Resozialisierung und damit die Sicherheit der Menschen, sagte Anstaltsleiter Weßels.

Das Land fördert das Pilotprojekt bislang mit 150.000 Euro, wie das Mitglied im Rechtsausschuss des Landtags, Christian Calderone (CDU), berichtete. „Das ist eigentlich zu kurz.“

Bei den im Oktober beginnenden Haushaltsverhandlungen wolle er sich dafür einsetzen, dass das Vorhaben weiter gefördert werde. Es sei außerdem zu überlegen, ob es nicht auch in anderen medizinischen Bereichen Kooperationen zwischen privaten Trägern und Justiz geben könne. (dpa)

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