Armut

Ungleichheit belastet das System

Sozial benachteiligte Menschen sterben früher - diese zentrale These des Deutschen Ärztetages war auch Thema auf Podien beim Hauptstadtkongress.

Von Angela MisslbeckAngela Misslbeck Veröffentlicht:
Suppenküche in Berlin: Sozial benachteiligte Menschen sterben früher.

Suppenküche in Berlin: Sozial benachteiligte Menschen sterben früher.

© Bernd Friedel / imago

BERLIN. Das deutsche Gesundheitssystem krankt vor allem an Verteilungsproblemen. Falsch verteilt wird nicht nur Geld. Auch Gesundheitschancen müssen gerechter verteilt werden, forderte der Gesundheitssachverständige Professor Ferdinand Gerlach.

"Eines der größten Probleme ist die Ungleichverteilung nicht zwischen ambulant und stationär oder Stadt und Land, sondern zwischen sozialem Oben und Unten", sagte Gerlach bei einer Veranstaltung der KBV zur Frage "Wie viel Gesundheit können wir uns leisten?" im Rahmen des Hauptstadtkongresses.

Gerlach vertrat die Auffassung, dass zur Verbesserung der Gesundheitschancen sozial Benachteiligter auch Investitionen in die Bildung nötig sind. Viele Studien hätten den Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Gesundheitschancen bestätigt.

"Am meisten Gesundheit gewinnen wir, wenn benachteiligte Schichten besser gefördert werden", sagte der Wissenschaftler. Ob Prävention am Ende Geld spart, sei umstritten - aber auch sekundär.

"Das Problem ist, dass Prävention in unserem Gesundheitssystem kon traproduktiv ist", so Gerlach weiter. Er forderte eine Umkehr der Anreizsysteme.

"Man kann den Ärzten und Kliniken nicht vorwerfen, dass sie in die Menge gehen. Das Abrechnungssystem ist genauso konzipiert. Morbidität wird belohnt", sagte er mit Blick auf die immer wieder aufflammenden Debatten um Mengenausweitungen in Kliniken.

Gesetzgebung schafft keinen Arzt

Auch Krankenkassen haben nach Gerlachs Darstellung ein finanzierungsbedingtes Interesse an Morbidität. "Es gibt eigentlich niemand im System, der ein Interesse daran hat, dass die Menschen gesund bleiben", sagte er.

Der Sachverständige plädierte für ein Capitationmodell zur Vergütung von Ärzten. Dazu gehöre eine Pauschale für Gesunderhaltung, ergänzt um qualitätsorientierte Vergütungen für einzelne Versorgungsleistungen, um Unterversorgung zu vermeiden.

KBV-Chef Dr. Andreas Köhler warnte dagegen vor Pauschalen. Sie seien immer potenziell leistungsfeindlich. Zudem würden Qualitätsindikatoren für solche Vergütungssysteme fehlen. "Solange wir die nicht haben, wäre ich immer ein Gegner von Capitationmodellen", sagte er.

Verteilungsprobleme sieht Köhler nicht nur bei den Gesundheitschancen, sondern auch bei den Ärzten. Er warnte davor, dass es immer weniger Hausärzte und fachärztliche Grundversorger in der Fläche gebe, während die Zahl der spezialisierten Fachärzte zunehme.

Der Zugang zu Gesundheitsversorgung erfolge aber genau über diese Ärzte. Gegen den wachsenden Ärztemangel auf dem Land könne das Versorgungsstrukturgesetz allein nicht helfen. "Gesetzgebung schafft keinen niederlassungswilligen Arzt. Da werden wir ganz andere Instrumente brauchen", sagte der KBV-Chef.

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