Umfrage

VdK: Pflegebedürftige zu Hause wurden in der Corona-Pandemie vergessen

In der Coronakrise sind viele Pflegebedürftige allein gelassen worden, kritisiert der Sozialverband VdK und verweist auf eine aktuelle Umfrage. Die Studie gibt auch Einblick in das Befinden der Gepflegten und ihrer Angehörigen.

Thomas HommelVon Thomas Hommel Veröffentlicht:
Verena Bentele, VdK-Präsidentin, und Andreas Büscher, Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) bei der Vorstellung der Studie „Die Vergessenen der Pandemie“ des Sozialverbands VdK.

Verena Bentele, VdK-Präsidentin, und Andreas Büscher, Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) bei der Vorstellung der Studie „Die Vergessenen der Pandemie“ des Sozialverbands VdK.

© Wolfgang Kumm/dpa

Berlin. Laut Sozialverband VdK hat die Politik die häusliche Pflege in der Corona-Pandemie sträflich vernachlässigt. „Während alle auf die Situation in den Pflegeeinrichtungen schauten, waren die zu Hause Versorgten die Vergessenen der Pandemie. Ihnen wurde viel zu wenig geholfen“, sagte Verbands-Präsidentin Verena Bentele am Montag. Der VdK vertritt eigenen Angaben zufolge mehr als 2,1 Millionen Mitglieder.

Nötig sei ein Krisen- und Katastrophenplan, der die Versorgung in den eigenen Wänden sicherstelle, auch wenn Pflegebedürftige und Angehörigen die Wohnung oder das Haus nicht mehr verlassen könnten oder wollten, sagte Bentele. „Darin muss dann beispielsweise geregelt sein, dass es mobile Impfteams gibt, die die Menschen zu Hause aufsuchen.“ Sollte demnächst eine dritte Impfung nötig sein, „wäre das bereits ein sinnvoller Weg“, sagte Bentele mit Blick auf die Booster-Impfungen gegen COVID-19.

Mobile Impfteams für den Booster

Erste Länder haben mit den Auffrischungsimpfungen bereits begonnen oder diese ab September angekündigt – die Angebote sollen zunächst Senioren in Heimen, aber auch häuslich betreute Pflegebedürftige adressieren.

Laut VdK sind derzeit rund 4,1 Millionen Bundesbürger auf Pflege angewiesen. 80 Prozent würden zu Hause versorgt: 2,1 Millionen Menschen ausschließlich von Angehörigen – eine weitere Million von Angehörigen, die von einem Pflegedienst unterstützt werden oder in einigen Fällen auch nur von professionellen Kräften.

Corona habe bei vielen Pflegebedürftigen und Angehörigen Ängste vor Infektion, Krankheit und Isolation ausgelöst, sagte Bentele. Sie verwies auf eine aktuelle Umfrage der Hochschule Osnabrück unter 16 .000 VdK-Mitgliedern.

Angst vor Infektion verstärkt soziale Isolation

78 Prozent der Pflegebedürftigen und 84 Prozent der Angehörigen geben demnach an, Pandemie und Lockdowns seien für sie körperlich, aber auch seelisch sehr belastend gewesen. 76 Prozent der Befragten fürchten laut Studie, an SARS-CoV-2 zu erkranken und an Spätfolgen zu leiden. Gut zwei Drittel hat Sorge, dass sich ihre Pflegesituation verschlechtert – etwa, weil die Hauptpflegeperson oder weitere Helfende sich infizieren und erkranken könnten.

37 Prozent der Pflegehaushalte geben an, wegen Corona keine Unterstützungsangebote mehr in Anspruch genommen zu haben – hauptsächlich, weil diese geschlossen wurden, teils auch aus Angst, sich zu infizieren. 81 Prozent der Pflegebedürftigen mieden den Kontakt zu Dritten ganz. Pflegende Angehörige waren noch vorsichtiger: 87 Prozent versuchten, anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Knapp ein Drittel (27 Prozent) der Pflegebedürftigen verließ das Haus oder die Wohnung nicht mehr.

„Die Pandemie hat die Belastungen in der häuslichen Pflege noch einmal gesteigert und die Möglichkeiten der Entlastung noch einmal gesenkt“, sagte der Pflegewissenschaftler und Studienleiter Professor Andreas Büscher. Rechne man die in der Umfrage ermittelte Zahl auf alle der über drei Millionen häuslich betreuten Pflegebedürftigen hoch, hätten fast 890 .000 wegen Corona nicht mehr die eigenen Wände verlassen.

Chaos von Kurzzeit- und Verhinderungspflege beenden

VdK-Präsidentin Bentele rief die Politik auf, häusliche Pflege stärker zu fördern. Dazu gehöre die Einführung eines Entlastungsbudgets. „Das wirre Nebeneinander von Kurzzeit- und Verhinderungspflege muss ein Ende haben.“

Die amtierende Koalition habe hier gepatzt, kritisierte Bentele. Mit ihrer „kleinen Pflegereform“ hätten Union und SPD überdies die bereits angekündigte Erhöhung ambulanter Pflegeleistungen im Umfang von 1,8 Milliarden Euro wieder gestrichen, um die Heimpflege besser auszustatten. „Deswegen werden wir jetzt die unter anderem einkassierte Erhöhung des Pflegegeldes einklagen – notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht.“

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