Masern und Co

Verfehlt die Impfpflicht ihr Ziel?

Nur ein „populistischer Schachzug“ des Gesundheitsministers? Oppositionspolitiker, aber auch Mediziner überzeugt Jens Spahns geplante Impfpflicht noch nicht. Sie plädieren für eine breitere Aufklärungskampagne.

Von Rebekka Höhl Veröffentlicht: 16.10.2019, 04:30 Uhr
Verfehlt die Impfpflicht ihr Ziel?

Diskutierten über die Impfpflicht (v.l.): IKK-Südwest-Vorstand Roland Engehausen, Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche, Dr. Kevin Schulte, FDP-Politiker Professor Andrew Ullmann und Dr. Patricia Shadiakhy (KV Nordrhein).

© Michael Setzpfandt

Berlin. Am 18. Oktober wird das Masernschutzgesetz im Bundestag beraten. Doch während Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor allem auf die Impfpflicht setzt, sehen Mediziner und Oppositionsmitglieder die Schwachpunkte eher an anderer Stelle. Unterstützung kommt hingegen von den Kassen.

Bei bundesweit 97,1 Prozent lag die Impfquote für die erste Masern-Impfung bei Schulanfängern laut Robert Koch-Institut im Jahr 2017, bei der zweiten Masernimpfung waren es 92,8 Prozent.

An die Falschen adressiert

Die von Spahn vorgesehene Masern-Impfpflicht adressiert nach Ansicht des FDP-Politiker Professor Andrew Ullmann daher die Falschen. Mehr als die Hälfte der Infektionsfälle seien bei Erwachsenen zu verzeichnen, so Ullmann kürzlich beim 12. Deutschen Internistentag in Berlin.

Denn in Spahns Gesetzentwurf ist eine Impfpflicht nur für bestimmte Berufsgruppen vorgesehen, nämlich das Personal in Schulen, Kitas, Einrichtungen der Kindertagespflege sowie in Asylbewerberunterkünften.

Ullmann, der selbst Internist und Infektiologe ist, warf dem Minister Populismus vor. Die Gesetzgebung sei von Panikmache geprägt. „Masern sind ein kleines Problem, HPV und Grippe ein größeres.“ „Bei Varizellen haben wir fast fünfstellige Fallzahlen, darüber redet keiner“, sagte Ullmann.

Dabei könne die Impfpflicht nur eine Ultima Ratio sein. „Wir sind nicht mehr bereit, in der Bildungspolitik das Thema Gesundheit aufzugreifen“, monierte er.

Studie zeigt: Gezielter Recall wirkt

Dass mehr und vor allem eine gezieltere Aufklärung und Erinnerung an die Impfung besser als jeder Druck wirkt, hat erst kürzlich eine Studie unter Federführung von Dr. Kevin Schulte vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gezeigt (Dtsch Ärztebl Int 2019; 116: 413-9).

In der Studie wurde die Influenzaimpfquote bei chronisch nierenkranken Patienten vor und nach dem Recall-Verfahren untersucht. Übernahmen Ärzte den Impfaufruf, verbesserte sich die Impfquote um 8,3 Prozentpunkte.

Auch das Erinnerungsschreiben von der Krankenkasse bewirkte eine Steigerung der Quote um immerhin 3,2 Prozentpunkte. Und hätte einen entscheidenden Vorteil: Es erreicht auch die Versicherten mit Impflücken, die eben nicht Patient in einer Praxis sind. Das sind häufig junge Erwachsene, die kritische Impflücken aufweisen.

„Wir haben vor allem Probleme, junge Männer zu erreichen“, sagte Grünen-Politikerin Kordula Schulz-Asche, die wie Ullmann Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestags ist.

Klarstellung wichtig

Dabei hätten die Krankenkassen die notwendigen Daten, um den Impfstatus abzubilden, wie Roland Engehausen, Vorstand der IKK Südwest, die an der Studie beteiligt war, berichtete. Innerhalb der Studie habe sich die IKK bei der Datenselektion allerdings in einer Grauzone bewegt, da das Sozialgesetzbuch den Kassen einen engen Rahmen bei der Datenauswertung setze.

Hier wäre eine Klarstellung seitens des Gesetzgebers wichtig, inwieweit Versichertendaten auch für Recall-Verfahren einsetzbar sind. Erhoben würden die Daten ohnehin. „Dann sollte man sie auch nutzen“, so Engehausen. Wobei er klarstellte, dass das letztliche Recall-Verfahren nicht unbedingt durch die Kasse erfolgen müsse.

Schulz-Asche und die BDI-Vizepräsidentin Christine Neumann-Grutzeck forderten, endlich den digitalen Impfausweis einzuführen. „Damit könnten wir auch unnötige Doppelimpfungen bei Tetanus verhindern“, so die Internistin Neumann-Grutzeck.

Das Prüfen des Impfpasses müsse so einfach funktionieren wie das „Bezahlen an der Supermarktkasse“, forderte auch ein Internist aus dem Auditorium. „Wenn der Impfstatus mit dem Einlesen der Versichertenkarte automatisch angezeigt werden würde, würde es auch mit besseren Impfquoten klappen.“

Es brauche aber auch eine Kampagne aus einem Guss, mahnte IKK-Vorstand Engehausen. „Schauen wir uns die Prävention doch einmal an“, sagte er. Für jedes Thema – egal ob Mammografie-Screening, Darmkrebsfrüherkennung oder Impfen – gebe es einen anderen Prozess und andere Absender. Mal sei der Arzt in der Pflicht, mal die Kasse. „Das prasselt alles ungesteuert auf den Versicherten nieder.“

Impfaktion in der Shopping Mall?

Daneben warben Schulz-Asche und Ullmann für niedrigschwelligere Impfangebote. Bei Tot-Impfstoffen kann sich Ullmann durchaus vorstellen, auch Apotheker und Pflegekräfte mit einzubeziehen – nach entsprechender Qualifizierung. „Für Lebend-Impfstoffe würde ich das ausschließen.“

Das sieht Schulz-Asche zwar kritisch, sie plädierte dagegen für Impfaktionen in Einkaufszentren. Dazu müssten die Gesundheitsämter wieder personell befähigt werden, sich an Impfaktionen zu beteiligen. „Hier fehlt uns der Unterbau“, sagte sie. „Der öffentliche Gesundheitsdienst ist in allen Bundesländern in den letzten Jahren ausgedünnt worden.“

Und auch betriebsärztliche Angebote müssten weiter ausgerollt werden, um die Erwachsenen zu erreichen. Seit es im Bundestag eine Betriebsärztin gebe, sei sie selbst auch gegen Grippe geimpft, berichtete sie aus eigener Erfahrung.

Viele Internisten lassen sich selbst nicht impfen

Allerdings fassen sich die Internisten auch an die eigene Nase: Ungefähr ein Fünftel der Belegschaft in den Kliniken lasse sich selbst nicht gegen Masern impfen, sagte Schulte. Beim Grippeimpfschutz sieht es noch schlimmer aus: Obwohl es am Uniklinikum Würzburg, an dem Ullmann tätig ist, einen Betriebsarzt gebe und die Impfung niedrigschwellig angeboten werde, liege die Grippe-Impfrate bei maximal 30 Prozent.

Ullmann: „Eigentlich müssten wir als Ärzte eine Impfkampagne in den eigenen Reihen starten.“ Wenn keine echte Kontraindikation besteht, gibt es laut dem Infektiologen keinen Grund, sich als Arzt nicht impfen zu lassen. „Hier bin ich – als Arzt, nicht als FDP-Politiker – ein echter Freund der Impfpflicht.“ Und diese würde er sogar mit einem Berufsverbot verbinden.

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