Berufspolitik

Was erklärt den Amoklauf von Winnenden?

WAIBLINGEN (dpa). Einen Tag nach dem entsetzlichen Amoklauf eines 17jährigen Jugendlichen Winnenden mit 16 Toten gibt es erste Indizien für Ursachen und Auslöser der Bluttat: eine möglicherweise tiefe Verzweiflung, eine psychiatrische Krankheit, Einsamkeit - und nicht auch zuletzt die Gelegenheit, im Elternhaus an Waffen und Munition zu gelangen.

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Nach Angaben des baden-württembergischen Innenministers Heribert Rech (CDU) hat der Amokläufer seine Tat in der Nacht zuvor im Internet angekündigt.

"Ich meine es ernst, Bernd - ich habe Waffen hier, und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen", habe ein Unbekannter gegen 2.45 Uhr in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in einem Internet-Portal geschrieben.

Anonyme Ankündigung im Internet

Weiter hieß es: "Merkt Euch nur den Namen des Orts: Winnenden." Darauf habe ein Jugendlicher in Bayern seinen Vater hingewiesen, den inzwischen gelöschten Eintrag aber nicht ernst genommen.

Rech sagte gestern bei einer Pressekonferenz in Waiblingen, der Amokläufer sei seit 2008 wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung gewesen. Er sei zeitweise auch stationär behandelt worden. Die Therapie sollte in einer Klinik in Winnenden fortgesetzt werden, wurde vom Täter aber abgebrochen. Der 17jährige Tim K. hatte auf seiner Flucht auch einen Mann vor der Klinik erschossen.

Auf dem Computer des Amokläufers seien "typische Computerspiele" wie "Counterstrike" gefunden worden, berichtete Rech. Außerdem wurden im Zimmer des 17jährigen neben Horrorfilmen auch handschriftliche Aufzeichnungen mit Titel wie "Tod aus Spaß" entdeckt.

Nach ersten Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat der Jugendliche sehr viel Zeit am Computer verbracht. Gleichwohl vermag die Staatsanwaltschaft daraus allein noch keine Neigung des Täters zu einer Amoktat zu erkennen.

Begünstigt wurde die Tat durch den Umstand, dass der Jugendliche in der elterlichen Wohnung Zugang zu Waffen hatte und im Umgang damit sehr geübt war. Er war Gastschütze im Schützenverein, in dem der Vater des Jungen Mitglied ist.

Der Vater des Täters besitzt ein Waffenarsenal

Während des Amoklaufs hatte der 17jährige 200 Schuss Munition bei sich. 60 Schüsse gab er in der Schule ab, weitere 44 am Ende seiner Flucht in Wendlingen.

Der Vater des Amokläufers habe in seinem Waffenschrank 4600 Schuss Munition verwahrt. Möglicherweise muss sich der Vater wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Grund sei, dass die vom Sohn verwendete Tatwaffe vorschriftswidrig im Elternschlafzimmer lag, sagte der Leiter der Staatsanwalt Stuttgart, Siegfried Mahler, gestern bei einer Pressekonferenz in Waiblingen.

Als gesichert gilt offenbar, dass der Jugendliche sich selbst getötet hat. Nach Angaben der Esslinger Polizei gibt es dafür Zeugen. Zunächst war unklar, ob der Täter auf der Flucht von der Polizei erschossen wurde.

Die Schreckenstat von Winnenden hat noch am gleichen Tag eine intensive Diskussion darüber ausgelöst, was die Tat erklären könnte, welche Motive und Anlässe einen Menschen zum Amokläufer machen und ob überhaupt Prävention möglich ist.

Auffällig ist, dass Amoktaten in den USA und in Deutschland nach Erkenntnis von Kriminologen im internationalen Vergleich eher häufig sind - vor allem im Vergleich auch zu südeuropäischen Ländern. "Die stärkere Emotionalität der Südeuropäer verhindert wahrscheinlich angestauten Frust", erklärte der Leiter des Kriminologischen Instituts in Hannover, Professor Christian Pfeiffer.

Nach seiner Auffassung werden Jugendliche oft durch Frust über sich selbst zu Amokläufern. Die Täter seien in der Regel männliche Jugendliche, "denen gemeinsam ist, dass sie sich subjektiv als gescheitert empfinden", so Pfeiffer.

Kritisch muss nach seiner Ansicht aber auch die Rolle der Eltern betrachtet werden. Man müsse herausfinden, warum der Vater 17 Waffen besaß und damit "so achtlos" umgegangen sei.

Im Spekulativen blieb, ob der Amoklauf in Alabama eine Rolle als Auslöser gespielt hat. Eine Wirkung scheint die weltweite und umfassende Berichterstattung über derartige Schreckenstaten allerdings zu haben: Sie löst zumindest Schein-Nachahmungen aus. Allein bis gestern Nachmittag hat es in Baden-Württemberg sechs Amokdrohungen gegeben.

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat deshalb die Medien zu größerer Zurückhaltung bei der Berichterstattung über Gewalttaten aufgefordert. "Ich wäre dafür, zwischenzeitlich eine Nachrichtensperre zu verhängen - irgendetwas zu tun, damit dann nicht dieser maximale Nachrichten-Effekt erzielt wird."

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