Neuer WIdO-Bericht
AOK dringt auf Qualitätssicherung in der Heilmittelversorgung
Hohe Ausgabensteigerungen bei weithin unbekannter Qualität: So stellt sich laut AOK-Bundesverband die Versorgung durch Physiotherapeuten & Co. dar. Ein Ansatzpunkt wäre eine Ausbildungsreform. Doch hier steht die Koalition blank da.
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Bei der Versorgungsqualität eine „Blackbox“? Der AOK-Bundesverband nimmt Heilmittelerbringer unter die Lupe.
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Berlin. Der AOK-Bundesverband bezeichnet die Qualität der Heilmittelversorgung als „in weiten Teilen eine Blackbox“. „Wir wissen nicht, ob das Geld der Beitragszahler und die Arbeitszeit der Therapeutinnen und Therapeuten immer sinnvoll eingesetzt wird“, sagte Dr. Carola Reimann, Vorsitzende des AOK- Bundesverbandes, bei der Vorstellung des Heilmittel-Reports 2026 am Dienstag.
Zugleich sei die Heilmittelversorgung im Vergleich zu anderen Leistungsbereichen durch eine „besonders hohe Ausgabendynamik“ gekennzeichnet, so Reimann. Für das erste Quartal dieses Jahres beziffert der Kassenverband den Anstieg bei Heilmitteln auf 8,7 Prozent. Vergangenes Jahr addierten sich die Ausgaben für Physiotherapeuten und Co. GKV-weit auf 14,4 Milliarden Euro. Das waren 10,4 Prozent mehr als 2024.
„Wir brauchen ein System der Qualitätssicherung in der Heilmittelversorgung, wie wir es auch in anderen Versorgungsbereichen, längst kennen“, lautet Reimanns Forderung. Nach Ansicht des AOK-Bundesverbands werden die Qualitätsprobleme bei der Blankoverordnung besonders deutlich.
Bei Physiotherapeuten ist die Blankoverordnung seit 2024 bei 112 ICD-Codes bei Schulterbeschwerden möglich. Im Vorjahr machte dieses neue Instrument zwar nur 2,4 Prozent aller Physiotherapieverordnungen aus. Auf diese entfiel aber bereits ein Umsatzanteil von 4,5 Prozent, hieß es.
Während eine ärztliche Verordnung in der Regelversorgung mit Ausgaben von durchschnittlich 214 Euro einherging, waren es bei der Blankoverordnung rund dreimal so viel, nämlich 714 Euro, berichtete Helmut Schröder, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).
Mehr Verantwortung „grundsätzlich“ richtig
Dass Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Logopäden mehr Aufgaben übertragen bekommen, sei „grundsätzlich der richtige Weg“, so Reimann. Eine Ausweitung der Blankoverordnung sei aber erst dann zu rechtfertigen, „wenn gesicherte Erkenntnisse zu besseren Outcomes, einem geringeren Risiko von Chronifizierungen oder zu messbaren Effizienzgewinnen“, so die Position des Kassenverbands.
Einen zentralen Ausgangspunkt für eine höhere Versorgungsqualität sieht die AOK in einer Ausbildungsreform der Therapeutenberufe. Deutschland sei europaweit das einzige Land, in dem eine Berufsausbildung für Physiotherapeuten als ausreichend angesehen wird, sagte WIdO-Geschäftsführer Schröder.
In 82 Prozent der Länder sei dagegen ein Bachelorabschluss die Mindestqualifikation für die Berufsausübung, in den übrigen Staaten werde sogar ein Masterabschluss verlangt. Doch bisher verfügten von den geschätzt 208.000 Physiotherapeuten in Deutschland nur rund 2.000 über eine akademische Qualifikation.
Union und SPD gegen Vollakademisierung
Die Koalitionsfraktionen haben sich darauf verpflichtet, die Berufsgesetze für Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie „zügig zu reformieren“. Indes sind bisher noch nicht einmal Eckpunkte für entsprechende Gesetzesvorhaben bekannt geworden. Eine Vollakademisierung wird von Union und SPD im Koalitionsvertrag abgelehnt.
Dr. Christian Kopkow, Professor für Physiotherapie an der Brandenburgischen TU (BTU) Cottbus-Senftenberg, kritisierte den fehlenden politischen Willen für einen solchen Transformationsprozess scharf. Dieser stehe „einer wirklich zukunftsfesten Ausrichtung“ der Therapeutenberufe entgegen. „Stillstand ist Rückschritt“, warnte er. Eine Akademisierung sei die Voraussetzung dafür, dass diese Gesundheitsberufe als Disziplin eine eigenständige Forschungsinfrastruktur aufbauen könnten.
Akademisierung der Gesundheitsberufe
Physiotherapie: „Kein sinnvoller Plan B“ für die Ausbildungsreform
Ein weiterer Ansatzpunkt für eine höhere Versorgungsqualität liegt in der stärkeren Beachtung von Leitlinien, betonte Kopkow. Er bezeichnete deren geringe Kenntnis unter den Berufsangehörigen als „problematisch“.
Bei bundesweiten Befragungen von Physiotherapeuten hätten nur rund 30 Prozent angegeben, die Nationale Versorgungsleitlinie zum nicht-spezifischen Kreuzschmerz zu kennen. Die Leitlinien zur Hüft- und Kniearthrose waren noch weniger bekannt. Dabei stellten Leitlinien ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Versorgungsqualität dar. (fst)









