Gesundheits-Apps

Auf dem Weg zum gläsernen Patienten

Jeder fünfte Deutsche nutzt Gesundheits-Apps auf seinem Handy oder Tablet zur Information und Dokumentation. Der Online-Berg an Gesundheitsdaten wächst. Das weckt Begehrlichkeiten bei Dritten.

Von Dr. Christine Starostzik Veröffentlicht:
Besonders beim Sport werden Smartphones genutzt, um Vitalfunktionen aufzuzeichnen.

Besonders beim Sport werden Smartphones genutzt, um Vitalfunktionen aufzuzeichnen.

© Maridav / fotolia.com

MÜNCHEN. Jetzt ist es also soweit: Als erstes europäisches Unternehmen hat die Generali-Gruppe angekündigt, Kunden mit gesundem Lebenswandel künftig besonders günstige Tarife für Kranken- und Lebensversicherung anzubieten. Die neuen Angebote sollen in Deutschland in zwölf bis 18 Monaten zur Verfügung stehen.

Dass sie die Vergünstigungen tatsächlich verdienen, müssen die Kunden allerdings nachweisen, indem sie sich überwachen lassen. Dabei werden beispielsweise Schritte gezählt, das regelmäßige Sportpensum und die Ernährung kontrolliert und Vorsorgetermine protokolliert.

Als Wachposten solch gläserner Prävention dienen das Handy selbst oder "Wearables" in Form von Fitnessbändern und Smartwatches. Die mobilen Geräte erfassen Vitalparameter und übertragen diese etwa per Bluetooth und spezieller App auf Smartphone oder Tablet zur Auswertung und Versendung.

Ganz nebenbei kann über GPS jederzeit der Aufenthaltsort ermittelt werden. Besonders beliebt sind die kleinen Begleiter bislang vor allem bei Fitnessbesessenen und selbstoptimierenden Kontrollfreaks.

Sicherheit für chronisch Kranke

Doch die Zahl derer, die Online Health Tools für sich entdecken, wächst stetig. In manchen Bereichen scheinen sie sich sogar als neues Bindeglied zwischen Arzt und Patient zu etablieren.

So berichtet die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, 58 Prozent der Kollegen stünden einer flächendeckenden Einführung von Telemedizin in ihrem Arbeitsumfeld positiv gegenüber. Und 65 Prozent der von der IKK classic befragten Deutschen empfinden Gesundheits-Apps als hilfreich.

Diabetiker etwa können ihre Blutzuckerwerte vom Messgerät in ein Online-Tagebuch übertragen und dem Arzt direkt zur Verfügung stellen. Andere Apps wie "MyTherapy" erinnern chronisch Kranke daran, ihre Medikamente einzunehmen, und mit der DRK-Mobilruf-App kann im Notfall schnell Hilfe gerufen werden.

Aufenthaltsort und Patientendaten stehen der Notrufzentrale über die App sofort zur Verfügung. Mittlerweile stellen auch viele Krankenkassen kostenfreie Apps ins Netz.

Mit dem mobilen Impfpass etwa kann der Impfstatus der ganzen Familie verwaltet werden, der mobile Mutterpass hat jederzeit alle wichtigen Daten verfügbar und der mobile Röntgenpass kann sogar Röntgenbilder speichern.

Die erste Kassenzulassung hat im April dieses Jahres eine App des Berliner Start-up-Unternehmens Caterna Vision erhalten. Sie dient der Sehschulung von Kindern mit Amblyopie.

Ein Berliner Start-up namens "Klara" bietet an, Hautveränderungen über eine Smartphone-App zu fotografieren. Innerhalb von 48 Stunden wird das eingesendete Bild gegen eine Gebühr von einem Spezialisten begutachtet. Allein in Deutschland wurde die App inzwischen mindestens 60.000-mal heruntergeladen - auch Hausärzte zählen zu den Kunden.

Kritik an so viel virtueller Kommunikation kommt wie zu erwarten von Datenschützern. Der schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert etwa sagte kürzlich der "Ärzte Zeitung", die Apple Watch sei "der ungeschützteste Raum, den man sich überhaupt vorstellen" könne.

Und die Frage, in welcher Internetwolke eigentlich all die Vitaldaten und Befunde landen, ist bislang tatsächlich noch längst nicht ausreichend geklärt.

Höhere Kassenbeiträge für Verweigerer?

Spannend wird auch, wie sich die Optimierungseuphorie weiterentwickeln wird. Werden irgendwann alle, die nicht bereit sind, sich vermessen zu lassen, verdächtigt, etwas zu verbergen? Wann wird aus Freiwilligkeit Druck, etwa indem Krankenkassen nicht mehr Vergünstigungen für Dateneinsicht gewähren, sondern von Verweigerern höhere Tarife verlangen?

Erste Firmen verschenken bereits Fitnessarmbänder an ihre Mitarbeiter. Offenbar haben sie großes Interesse an deren Gesundheit - an ihren Vitaldaten und Aufenthaltsorten auch?

Und wie wird sich wohl das Verhältnis zwischen Arzt und Patient verändern? Werden sich Ärzte zunehmend bevormundet fühlen oder werden sie es als hilfreich empfinden, wenn in Zeiten von Geld- und Zeitnot Patienten mit fertigen Diagnosen in die Sprechstunde kommen und im Extremfall nur noch ein Rezept wünschen?

Auch wenn Dr. Google & Kollegen viel Nützliches zu bieten haben, wie sollen Patienten mit Hang zur Online-Diagnose die Qualität der Anbieter beurteilen?

Eine Art TÜV wäre sicher hilfreich. Und was die schöne neue E-Health-Welt trotz aller Neuentwicklungen sicher nie bieten kann: die persönliche Zuwendung des Arztes im vertraulichen Gespräch mit dem Patienten.

Diese Aspekte machen aktuellen Ergebnissen der Placeboforschung zufolge einen beträchtlichen Teil des Heilerfolgs aus.

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