Betriebsmedizin

Digitale Arbeit verändert den Arztberuf

Online-Meetings und Home-Office gehören mittlerweile in vielen Unternehmen zum Arbeitsalltag. Wie Mediziner darauf reagieren können, zeigt die Jahrestagung der Betriebsärzte.

Von Christiane Gläser Veröffentlicht:
Sind Mitarbeiter belastet? Betriebsärzte sollten vermehrt auch ein Auge auf psychische Krankheiten haben.

Sind Mitarbeiter belastet? Betriebsärzte sollten vermehrt auch ein Auge auf psychische Krankheiten haben.

© VDBW

ROTTENDORF/WÜRZBURG. Von den rund 1200 Beschäftigten in der Zentrale des fränkischen Modeherstellers s.Oliver arbeiten längst nicht mehr alle nur im Büro. Jeder Sechste hat seinen Bürostuhl für einen Tag der Woche in den eigenen vier Wänden aufgestellt. Und wenn es nach Personaldirektorin Gabriele Fluck geht, sollen es in den nächsten Jahren noch mehr werden.

"Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Home-Office für einen modernen und attraktiven Arbeitgeber ein ‚Must-have‘ ist", sagt Fluck. Vor allem Mitarbeiter der IT und der Personalabteilung nutzen das Angebot bislang.

Schon in wenigen Monaten soll das Konzept auf weitere Unternehmensbereiche ausgedehnt werden. "Viele Mitarbeiter machen das beim Einstellungsgespräch mittlerweile zur Bedingung", berichtet die Managerin des Textilherstellers. Das Unternehmen profitiere im Gegenzug von einer hohen Motivation und Leistungsbereitschaft.

"Betriebsärzte intensiv gefordert"

s.Oliver nutzt die Vorteile einer Arbeitswelt, die in den vergangenen Jahren zunehmend digitaler und flexibler geworden ist. Doch dieser Trend verändert gleichzeitig die Bedürfnisse der Mitarbeiter, die Anforderungen an die Führungskräfte und auch den Arbeitsalltag von Betriebsärzten.

"Die Arbeitswelt wird sich in den nächsten Jahren massiv verändern. Da werden wir auch als Betriebsärzte intensiv gefordert sein", betont Anette Wahl-Wachendorf. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), dessen Jahrestagung in Würzburg noch bis Samstag dauert. Themenschwerpunkt des Kongresses: "Arbeit 4.0".

Ein Teil der Entwicklung ist die zunehmende Arbeit von zu Hause aus. Auch die medizinische Beratung werde deshalb nicht mehr nur im Büro stattfinden, ist Wahl-Wachendorf überzeugt. "Es wird eine Beratung aus der Ferne Einzug halten."

"Sind die Roboter einmal da, ..."

Die wachsende industrieelle Technisierung und Digitalisierung verlange zudem, dass die Betriebsärzte schon deutlich früher als üblich Arbeitsplätze mitgestalten müssen: "Wenn die Roboter erst mal da sind, ist es rum. Da müssen wir frühzeitig planerisch mitwirken, damit nicht am Menschen vorbei gestaltet wird."

Das sei ohnehin eine der größten Herausforderungen. "Bei der Digitalisierung wird so viel vorgegeben, dass wir aufpassen müssen, dass der Mensch noch beachtet wird."

Das Thema Führung werde dabei am meisten strapaziert. In Zukunft müssten daher Führungskräfte intensiv von Betriebsärzten betreut werden. "Die Führungskraft muss ihre Mitarbeiter nicht nur aus der Ferne führen – am Laptop und über Skype. Sie muss auch erkennen können, ob Mitarbeiter belastet sind."

In vielen Berufen, unterstreicht Wahl-Wachendorf, seien körperliche Belastungen durch den Arbeitsalltag rückläufig. Auf psychosoziale Risiken wie Burn-out, Erschöpfung, Ermüdung, Depression und Angst müssten Betriebsärzte und Führungskräfte vermehrt ein Auge haben.

Risiko von Home-Office

Bei allen Vorteilen berge Home-Office auch Risiken. Hier und da fehlt das persönliche Gespräch mit den Kollegen. Manche schaffen daheim den Absprung in den Feierabend schlechter. Andere sind psychisch belastet – und keiner bekommt es mit.

Einer Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge bedeutet digitales Arbeiten für fast die Hälfte der betroffenen Beschäftigten auch mehr Belastung in Folge der Entgrenzung und Verlängerung der Arbeitszeit, permanenter Erreichbarkeit oder Arbeitsverdichtung.

Peronalchefin Fluck kennt die Probleme. Doch die Gefahr, dass psychische Belastungen zu spät erkannt werden, sieht sie nicht: "Meiner Meinung nach wird der Austausch sogar intensiver, weil gemeinsame Zeit konzentrierter, fokussierter und effizient genutzt wird."

Für gesunde Mitarbeiter setze man auf ein ganzheitliches Konzept. Dafür biete das Modeunternehmen zudem Fitnesskurse und Massage während der Arbeitszeit, bezuschusse Sportkurse, achte auf ausgewogenes Kantinenessen und könne mit Thomas Lurz sogar einen Weltklasse-Schwimmer als Sportbeauftragten vorweisen. "Diese Kombination rechnet sich für uns absolut."

Eine Studie der von mehreren Krankenkassen getragenen Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) zeigt: Mit jedem in Mitarbeitergesundheit investierten Euro würden Betriebe aufgrund reduzierter Fehlzeiten im Schnitt 2,70 Euro sparen. 2015 fielen Berufstätige laut Dachverband der Betriebskrankenkassen durchschnittlich an 16 Tagen im Jahr krankheitsbedingt aus.

Vorsorge soll auf den Prüfstand

Deutschlandweit sind mehr als 13.000 Arbeitsmediziner für Unternehmen tätig, 3000 von ihnen sind im VDBW organisiert. Neben Grippeimpfungen und Augenuntersuchungen gehören Arbeitsplatzbegehungen, Schulungen, Vorträge, Gesundheitsförderung und die medizinische Vorsorge zum Arbeitsalltag. Auch der könnte durch Digitalisierung profitieren, ist VDBW-Vize Wahl-Wachendorf überzeugt.

Aufgaben wie die Bildschirm-Arbeitsplatz-Untersuchung könnten an andere Berufe wie Arzthelferinnen delegiert werden. Zudem sollte die Bedeutung der Vorsorgeuntersuchungen auf den Prüfstand kommen. "Das gibt uns die Chance, dass wir uns auf wesentliche und neue Herausforderungen im betriebsärztlichen Alltag fokussieren können." (dpa)

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