Zukunftsbranche Gesundheit

Geld bringt junge Ärzte nicht aufs Land

Mehr Ärzte aufs Land - das ist das erklärte Ziel der Bundesregierung. Ob dieses Ziel mit der aktuellen Gesundheitsreform erreicht wird, ist allerdings fraglich.

Von Uwe Preusker Veröffentlicht:

Sich niederzulassen, selbst Entscheidungen darüber treffen zu können, was man wie macht und wo man investiert - das war viele Jahrzehnte der Traum der meisten jungen Ärztinnen und Ärzte

 Die Zeit als Assistent im Krankenhaus musste überstanden werden - selbst wenn man in einem kleinen Krankenhaus zehn oder noch mehr Dienste absolvieren musste. Man wusste ja: Nach der Facharzt-Anerkennung war man Chefin oder Chef in der eigenen Praxis!

Doch die Zeiten haben sich grundlegend geändert: Junge Ärzte träumen den Traum von der eignen Praxis immer seltener - viele bleiben lieber am Krankenhaus oder arbeiten als Angestellte in einem MVZ oder einer Berufsausübungsgemeinschaft.

Und die Gründe, die am häufigsten genannt werden, wenn man nachfragt, liegen tatsächlich nicht in der Scheu vor dem Risiko, sondern vor allem in eher "weichen" Faktoren.

Anwachsender Frust

Folgende Gründe werden sowohl von Absolventen des Medizinstudiums als auch von jüngeren Kassenärzten am häufigsten genannt:

  • Bürokratie,
  • Sorge um die zum Teil jahrelange Unsicherheit durch Regresse,
  • die ständig und überall erlebte Gängelung durch Gesetzgebung, aber auch durch Kassen und die "eigene" Kassenärztliche Vereinigung.

Den dadurch anwachsenden Frust komplettiert die Empfindung - und häufig genug die konkrete Erfahrung -, dass die Anerkennung für den Einsatz niedergelassener Ärzte für ihre Patienten mittlerweile fast durchweg in öffentliches Misstrauen gegenüber dem gesamten Berufsstand umgeschlagen ist.

Da ist es dann nicht mehr verwunderlich, wenn Ärztinnen und Ärzte sich mittlerweile immer häufiger dazu entscheiden, ihre Kassenzulassung ruhen zu lassen oder gleich zurückzugeben - und eine Existenz als Privatarzt vorziehen.

Weniger Bürokratie im Ausland

Wenn man dann in konkreten Berichten über solche Seitenwechsel auch noch hört, dass diese andere Form der ärztlichen Tätigkeit jenseits von Kassenarzt-Recht, von Regressen und GKV-Bürokratie auch finanziell auskömmlich ist, wundert man sich nicht mehr, dass hier derzeit ein Trend entsteht.

Weniger Stress, mehr Zeit für die eigene Familie sowie mehr Zeit und kürzere Wartezeiten für die Patienten sind zusätzliche Vorteile.

Ähnliches berichten aber auch Ärzte, die dem deutschen GKV-System durch Auswanderung den Rücken gekehrt haben: Deutlich weniger Bürokratie, keine Angst vor Regressen und kein durch einen EBM aufgebauter Druck, Tag für Tag so viele Patienten wie möglich durch die Praxis schleusen zu müssen, werden oft als handfeste Vorteile genannt.

Es braucht mehr als die Reform

Ein deutscher Allgemeinarzt, der vor etlichen Jahren in die Schweiz ausgewandert ist, hat vor kurzem auf einem Kongress auf die Frage, was denn der wichtigste Grund für ihn war, dem Dasein als Vertragsarzt in Deutschland den Rücken zu kehren, geäußert, in der Schweiz gebe es keine KV!

Das könnte bedeuten, dass es deutlich mehr braucht als das gerade verabschiedete GKV-Versorgungsstrukturgesetz, um die Freude daran, sich als niedergelassener Arzt vor allem um die Gesundheit und das Wohlbefinden der eigenen Patienten zu kümmern, wieder aufleben zu lassen.

Es könnte sich sehr wohl erweisen, dass mit dem "goldenen Zügel", der Aussicht auf ein besseres Einkommen also, das Interesse junger Ärztinnen und Ärzte an einer Tätigkeit in dünn besiedelten Regionen nicht genügend Interesse geweckt wird.

Was nützt uns das beste Gesundheitssystem der Welt, wenn unsere Ärzte nicht mehr darin arbeiten wollen?

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